>>Hauptstrom>>FLUXUS, 1967
Zur Ausstellung »Fettraum«
20. März 1967, anlässlich der Ausstellung Fettraum in der Wohnung und Galerie von Franz Dahlem (1938–2025) in der Ahastraße 7, Darmstadt
mit Joseph Beuys und Henning Christiansen (1932–2008)
Im Vorfeld hatte Joseph Beuys den Ausstellungsraum mit einem unterbrochenen Fettwall präpariert und die Sockelleiste mit sogenannter Braunkreuzfarbe gestrichen.
Verlauf der Aktion:
Mit Kreide teilte Beuys den Raum in zwei Hälften. In der einen Raumhälfte wurden fünf Tonbandgeräte, ein Mikrofon und ein Lautsprecher bereitgestellt, in der anderen ein Mikrofon und ein Lautsprecher. Hinzu kamen ein »Ohrenkegel«, die dazu passende konische Form aus grauem gebranntem Ton und ein »akustisches Instrument«. Entlang der Linie erzeugte er mit der Kreide Kratzgeräusche. Wie auf dem Foto zu sehen, diente ihm Wachs zur Abformung seines Gebisses. Ein Gazedreieck, das er um die Hüfte trug, markierte das Geschlecht: eine Anspielung auf Androgynität.
Mit seinen ungewöhnlichen Praktiken forderte Beuys eine grundlegende Neudefinition von Kunst. Der Titel Hauptstrom deutete die Bündelung der dafür notwendigen Energien an.
In der Aktion >>Hauptstrom>>FLUXUS war Fett Beuys’ zentrales Material. Er bildete Raumecken, Margarinepolster, legte sich in Fettbetten und formte Körperstellen ab. Der Kalorienvorrat und -verbrauch von Fett sollte dabei durch Körperwärme und Bewegung verändert werden. Beuys formte immer wieder seinen Körper ab, presste Margarine unter die Achselhöhle und in die Kniebeuge, hielt einen »Ohrenkegel« in seinen Gehöreingang und machte Abdrücke von seinem Gebiss.
Foto: Momentaufnahme der Aktion >>Hauptstrom>>FLUXUS, 1967
Deutung der Aktion:
Für Beuys war der Körper ein Ausdruckswerkzeug und das wichtigste Kommunikationsmittel des Menschen. Er sah ihn als das einzige Instrument, um die Umwelt wahrzunehmen und sich ihr mitzuteilen sowie als Voraussetzung jedes kreativen Aktes.1
Zur Demonstration seiner plastischen Theorie setzte er bewusst Fett ein. Bevorzugt stellte er Gegensatzpaare (zum Beispiel Geist und Materie) dem statischen Kunstbegriff gegenüber. Das Publikum konfrontierte er mit seinem eigenen Kosmos an Vorstellungen und der damit verbundenen ausgefallenen Vewendung von Materailien, Substanzen und Zeichen. All das sollte auf jenes aktivierend wirken.
Franz Dahlem berichtete, dass der Unternehmer Karl Ströher (1890–1977) die Margarine organisiert hatte, mit der Beuys den Fettwall aufbaute. Allerdings kritisierte Ströher, der die Entbehrungen des Weltkrieges erlebt hatte, die damit verbundene Lebensmittelverschwendung. Dennoch ließ er sich von den Handlungen des Künstlers überzeugen.
Foto: Momentaufnahme der Aktion >>Hauptstrom>>FLUXUS, 1967 (Beuys formt mit Fett Körperteile ab.)
Werke aus der Aktion in Block Beuys
(1) Der Tod hält mich wach. Joseph Beuys im Gespräch mit Achile Bonito Oliva Rom 1973, in: Arnim Zweite, Beuys zu Ehren, Kat. Städtische Galerie im Lenbach-Haus, München 1986, S. 74.
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