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© Barbara Klemm, 1970

Der Sammler Karl Ströher

Unternehmer der Wella AG

Gemeinsam mit seinem Bruder war Karl Ströher (1890–1977) Eigentümer des Darmstädter Wella-Konzerns. Im sächsischen Rothenkirchen hatte ihr Vater bereits einen Handel für Perückenhaar und Friseurbedarf gegründet, den die Söhne zu einem internationalen Chemie- und Elektrokonzern für Haarpflegeprodukte, der Franz Ströher AG, ausbauten.

Während der NS-Diktatur profitierte das Unternehmen von Rüstungsaufträgen und stellte elektronische und chemische Produkte für den Einsatz an der Front her. Dabei beschäftigten die beiden Firmeninhaber Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus nahe gelegenen Konzentrations- und Strafgefangenenlagern.1

1945 floh Ströher vor der drohenden Enteignung aus der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und startete das Unternehmen in Hünfeld (Hessen) neu. Ab 1950 firmierte es als Wella AG in Darmstadt.

Ströher sammelte Kunst, Grafik, Geräte und Raritäten rund um die Themen Körperpflege und Friseurhandwerk. Bald erweiterte er seine Sammlung um Kunst der Romantik und der Klassischen Moderne.

Bereits 1950 stiftete er den Ströher-Preis für Malerei. 1966 und 1970 wurde er in den Vorstand der Freunde des Hessischen Landesmuseums Darmstadt gewählt.

Foto: Karl Ströher im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, 1971

Bedeutsame Begegnung mit zwei Galeristen

Mitte der 1960er Jahre lernte der Unternehmer in München die Galeristen Heiner Friedrich (*1938) und Franz Dahlem (1938–2025) kennen.

Auf ihre Empfehlung hin kaufte Ströher 1966 in New York erstmals ein Werk des US-amerikanischen Pop-Art-Künstlers Roy Lichtenstein (1923–1997). Im selben Jahr zog Franz Dahlem nach Darmstadt. Fortan beriet er Ströher bei der systematischen Weiterentwicklung seiner Kunstsammlung.

Foto: Die Galeristen Heiner Friedrich und Franz Dahlem in München, 1968

© Camillo Fischer, 1967

Beuys Aktion in Darmstadt

Zur spektakulären Eröffnung von Dahlems Galerie in der Ahastraße wurde Beuys für eine Aktion nach Darmstadt eingeladen.

Zum Auftakt seiner einwöchigen Ausstellung Fettraum veranstaltete Beuys mit dem dänischen Komponisten Henning Christiansen (1932–2008) am 20. März 1967 die Aktion >>Hauptstrom>>FLUXUS. Hier lernte Karl Ströher den Künstler Joseph Beuys kennen.

Foto: Galerist Franz Dahlem und Joseph Beuys vor der Aktion >>Hauptstrom>>FLUXUS in Darmstadt, 1967

Foto: Ruth Kaiser-Braun, 1967 © VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Ausstellung in Mönchengladbach

1967 sorgte die große Einzelausstellung BEUYS im Städtischen Museum Abteiberg in Mönchengladbach für Aufsehen.
Sie stand für all das, was der damalige neue Direktor Johannes Cladders (1924–2009) mit seinem »Antimuseum« erreichen wollte: Sie war experimentell, provokant, dialogisch und offen dafür, sich selbst infrage zu stellen.

Viele sahen die neue »Antikunst« des als »Düsseldorfer Neo-Dadaisten und Happenisten« betitelten Joseph Beuys. Auch Karl Ströher fuhr zur Eröffnung. Noch am selben Abend soll er den Entschluss gefasst haben, die gesamte Ausstellung zu kaufen.2

Bereits im September 1967 vereinbarte Ströher auf Anraten von Friedrich und Dahlem die Übernahme aller ausgestellten Werke in Mönchengladbach.

Foto: Einzelausstellung von Joseph Beuys im Städtischen Museum Mönchengladbach, 1967

Archiv Block Beuys, 02-145

Vertragliche Einigung

Ströher verhandelte mit Beuys über einen exklusiven Zugriff auf dessen weitere Produktion, die Rechte daran sowie das Recht zum Verkauf von Werken und Zeichnungen, die Beuys dafür freigab. Später wurde eine anteilige Ausschüttung der Erlöse an Sammler und Künstler zur Deckung der Kosten für den Ankauf und die Tournee des Werkensembles Block Beuys vereinbart. Der Unternehmer verpflichtete sich seinerseits, alle Werke, die Beuys dafür vorsah, geschlossen öffentlich auszustellen.

Der Vertrag, der schließlich im Juni 1969 unterzeichnet wurde, nennt eine Kaufsumme von 360.000 DM. Bereits im Vorvertrag vom Februar 1969 wird erstmalig der Name Block Beuys genannt: »Herr Ströher und Herr [...] Beuys beabsichtigen, das künstlerische Lebenswerk von Herrn Beuys [...] möglichst geschlossen zu erhalten [...] Dieser wesentliche Teil [...] soll die Bezeichnung ›Block Beuys‹ führen.«3

Ebenfalls durch Vermittlung von Friedrich und Dahlem erwarb Karl Ströher im Jahr 1968 die Pop-Art-Sammlung des New Yorker Versicherungsmaklers Leon Kraushaar (1913–1967) für 425.000 Dollar (damals 1,8 Millionen DM).

Darunter befanden sich bedeutende Bilder von Andy Warhol (1928–1987), Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg (1929–2022) und Tom Wesselmann (1931–2004) sowie die 1964 entstandene, lebensgroße Skulpturengruppe Rock and Roll Combo von George Segal (1934–2021).

Foto: Vorvertrag zwischen Karl Ströher und Joseph Beuys vom 6.2.1969 (Detail, bearbeitet)

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Unerfüllte Hoffnungen

Block Beuys als Bestandteil der Sammlung Ströher wurde anfangs in sechs Räumen des Landesmuseums eingerichtet. Für die zahlreichen anderen Gemälde, Plastiken und Objekte der Pop-Art-Sammlung musste der Dachboden über der Haupthalle der Gemäldegalerie ausgebaut werden. Ströher finanzierte diesen neuen Gebäudeflügel mit einer Million D-Mark. Seine Sammlung machte Darmstadt schlagartig zu einem viel beachteten Ort der internationalen Avantgarde. Museumsdirektor Gerhard Bott (1927–2022) ermöglichte außergewöhnliche Ausstellungen unter anderem mit den Künstlern George Segal, Walter De Maria (1935–2013), Franz Erhard Walther (*1939) und Fred Sandback (1943–2003).

Karl Ströher bot dem Museum seine Sammlung als Geschenk an – unter der Bedingung, dass das Land Hessen dafür einen Neubau finanzierte. Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht mehr für ihn. 1977 verstarb Ströher. Knapp vier Jahre später kündigten seine Erben den Leihvertrag mit dem Museum und gaben viele Werke in Auktionen. Schließlich erwarb die Stadt Frankfurt für 5,8 Millionen D-Mark ca. 80 Hauptwerke aus der Sammlung und legte damit den Grundstein für das Museum für Moderne Kunst. Block Beuys hielt der damalige Gründungsdirektor Peter Iden (*1938) allerdings für zu groß, um ihn an die Mainmetropole zu holen.

Foto: Präsentation von Werken aus der Sammlung Ströher im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, 1981

(1) Vgl. Hans Peter Riegel, Beuys. Die Biographie, Berlin 2013, S. 274f. Der Autor bezieht sich unter anderem auf eine Akte des Obersten Parteigerichts der NSDAP, Gau Sachsen, Aktenzeichen 512/1938, Bundesarchiv Berlin. Vgl. auch Antje Voutta, Andy Warhol in Darmstadt, Darmstadt 2013, Band 8, S: 18–28. Als Mitglied der Freimaurer trat Karl Ströher nicht in die NSDAP ein. Die detaillierte Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Karl Ströhers und des Familienunternehmens ist bislang ein Desiderat.

(2) Zit. nach Götz Adriani im Interview, damaliger Kustos am Hessischen Landesmuseum Darmstadt.

(3) Vorvertrag zwischen Karl Ströher und Joseph Beuys, Düsseldorf, 6.2.1969, Archiv Block Beuys 02-145.

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