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Beschreibung des Werks:
Zehn Gebissabdrücke aus rotbraunem Bienenwachs platzierte Beuys als Mundplastik direkt neben dem grob geformten Fettgerät in eine Vitrine in Raum 5 von Block Beuys. Beide stammen aus der Aktion >>Hauptstrom>>FLUXUS, die Beuys im Jahr 1967 anlässlich seiner Ausstellung Fettraum in der Darmstädter Galerie von Franz Dahlem (*1938) durchführte. Damals war auch der für ihn wegweisende Unternehmer Karl Ströher (1890–1977) anwesend.

Die Gebissabdrücke hatte der Künstler im Verlauf der Aktion aus Bienenwachs angefertigt. Der seinerzeit übrig gebliebene Materialklumpen Fettgerät suggeriert jetzt in der Vitrine, dass man die dentale Abformung jederzeit fortsetzen könnte.

Deutung des Werks:
Beuys’ Mundplastik verweist auf den Mund als Ursprung von Lauten und Sprache. Er ist Ausgangspunkt für unsere Kommunikation. Hatte Beuys die frühen Aktionen (darunter >>Hauptstrom>>FLUXUS) meist noch schweigend vollführt, so wurden ihm im Laufe seines künstlerischen und politischen Wirkens das gesprochene Wort und die Diskussion immer wichtiger. Sie waren für ihn ein entscheidendes Instrument zur Veränderung: Werkzeuge und Material seiner sozialen Plastik.

Mit der Verwendung von Wachs und Fett assoziierte Beuys den Gedanken an eine kreative Formung gesellschaftlicher Prozesse und Zustände. Nach seiner Auffassung ließen sich diese durch menschliche Wärme verändern und umwandeln: ein anthroposophischer Ansatz, der aus dem Abdrücken von einem bestimmten Material »Abdruckcharakter«1 auch das Hineindrücken in das Material (Materie) als Tat2 ableitet.

Nicht nur die Sprache und deren Artikulation erfolgt über den Mund sondern auch die Aufnahme von Nahrung. Der anthroposophischen Lehre zufolge ist die Gesundheit der Zähne ein Ausdruck der Befähigung , »Dinge [Nahrung] von außen zu empfangen«3. Hierbei sind die Zähne lebendiges »Werkzeug zur Orientierung, kein totes Element«4. Daher ist jedes Gebiss einzigartig. Mit den Gebissabdrücken hinterließ Joseph Beuys eine Spur seiner Individualität5 in Block Beuys.

(1) Vgl. Beuys, in: Das Gespräch mit Joseph Beuys, in: Volker Harlan, Was ist Kunst? Werkstattgespräch mit Joseph Beuys, Stuttgart 1986 (2001, 2011), S. 66.

(2) Joseph Beuys, Eintritt in ein Lebewesen. Vortrag, gehalten am 6.8.1977 im Rahmen der Free International University, documenta 6 in Kassel, in: Kunstforum International, Bd. 29 (Mai 1978), S. 151.

(3) Beuys, in: Caroline Tisdall (Hrsg.), Joseph Beuys, Kat. Solomon R. Guggenheim Museum, New York 1979, S. 58.

(4) Ebd.

(5) Vgl. Barbara Gronau, Theaterinstallationen, Performative Räume bei Beuys, Boltanski und Kabakov, Paderborn 2010, S. 124.
Der Zusammenhang zwischen Sprache und Nahrung, zwischen Senden und Empfangen offenbart sich auch in FOND I in derselben Vitrine. Ein Glas eingemachter Birnen ist biologische Energie, die durch den Mund aufgenommen wird.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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