Fett
Materialeigenschaften:
Fett lässt sich bereits durch wärmende Hände weich und formbar machen. Der Kalorienvorrat des Fetts im menschlichen Organismus verändert sich durch Körperwärme und Bewegung, also durch den Stoffwechsel. Festes Fett kann sich verflüssigen und verbinden: z. B. beim Kochen und Backen.
Verwendung bei Beuys:
Beuys führte Fett in den 1960er Jahren in seine Kunst ein. Er benutzte es nicht wie andere nur zum Abformen (Trennmittel für Gips oder Beton), sondern auch für finale Werke.
Für ihn war das Material eine nährende Substanz, ein Speicher für geistige Energie. Kunst sah er als lebensnotwendige Nahrung für die geistige Entfaltung an. Seine »Idee einer endlosen Umwandlung«1 verband er mit der Neuerfindung durch menschliche Kreativität im Kreislauf allen Lebens: »Jeder Mensch ist ein Künstler.«
Als Bildhauer entwickelte er seine eigene plastische Theorie. Statt einer fertigen Form ging es Beuys um eine fortwährende Formung, einen dynamischen, plastischen Prozess. Tierische und pflanzliche Fette dienten dazu, Transformationsprozesse aller Art anschaulich zu machen.2
Stuhl mit Fett und Fettecke wurden zu wichtigen Demonstrationsmodellen seiner Begriffe von Form und Antiform in der Kunst.
Biographische Bezüge:
In seinem Heimatort Kleve wuchs Beuys nahe einer Margarinefabrik auf. Nach dem Wunsch der Eltern sollte er dort eine Arbeit aufnehmen. Vermutlich waren ihm verschiedene Bedeutungen von Fett in Mythologie und Volksglauben bekannt. Dort wurde Fett als »Sitz von Seelenkräften«, »Seelensubstanz« und heilige Substanz verehrt.3
Gleich mehrere Vorfälle, bei denen seine Werke aus Fett für Schmutz gehalten und beseitigt wurden, sorgten für Schlagzeilen und befeuerten die Kontroversen um die Verwendung des kunstfremden Materials.4
Werke aus Fett (Auswahl)
»Stuhl mit Fett«, 1963
Block Beuys, Raum 3
(1) Monika Wagner, Das Material der Kunst. Eine andere Geschichte der Moderne, München 2001, S. 200.
(2) Vgl. Beuys im Gespräch mit Wulf Herzogenrath, 19.1.1972, in: Wulf Herzogenrath (Hrsg.), Selbstdarstellung. Künstler über sich, Düsseldorf 1973, S. 30–31.
(3) Vgl. Stichwort »Fett«, in: Hanns Bächtold-Stäubli, Eduard Hoffmann-Krayer, Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Leipzig 1932 (Nachdruck Berlin, New York 1987), Bd. II, S. 1373–1385.
(4) Vgl. Monika Wagner, Das Material, S. 197.