Beschreibung des Werks:
Stuhl mit Fett1 gehört zu den berühmtesten Werken von Joseph Beuys. Gleich mehrere »Zumutungen« in der Kunst der Moderne kommen hier zusammen: die Banalität des alltäglichen Gegenstands, die Reduzierung der Formgebung, die Provokation der Materialwahl sowie die irritierende Kombination aus allem.
Beuys wählte einen gewöhnlichen Küchenstuhl – ehemals weiß, viel benutzt und teilweise befleckt – als eine Art Sockel. Zwischen Sitzfläche und Rückenlehne schichtete er einen Keil aus gelblichem Wachs. Optisch ist es von ausgehärtetem Fett kaum zu unterscheiden.
1964, bei seiner ersten öffentlichen Präsentation im Rahmen eines studentischen Rundgangs an der Kunstakademie Düsseldorf, hängte er den zunächst mit Margarine präparierten Stuhl an einem Draht im Türrahmen auf. Heute ist ein Draht wie eine Antenne an der Stuhllehne befestigt.2
Deutung des Werks:
Stuhl mit Fett kann als Beuys' Vorschlag für eine menschliche Plastik gelesen werden: eine Sitzfigur als Torso, ohne Arme und Beine. Der Wachskeil repräsentiert für den Künstler »die Region von Wärmeprozessen der Verdauung und Ausscheidung, der Sexualorgane und einer interessanten chemischen Umwandlung, die auf seelischer Ebene zur Willenskraft in Beziehung gesetzt werden kann«.3 Beuys zeigt das Innere des menschlichen Körpers als biochemischen Transformator, als Kraftwerk zur Erhaltung und Hervorbringung von Leben. Stuhl mit Fett bewirkt somit das Gegenteil einer herkömmlichen Plastik. Der Wachskeil nimmt die Stelle des Unterleibs einer sitzenden Person ein und verweist auf den »Wärmecharakter« des biologischen Stoffwechsels. In der deutschen Sprache resultiert daraus ein Doppelsinn des Wortes Stuhl: Stuhl = Exkremente.4
In Block Beuys platzierte er Stuhl mit Fett in einer Vitrine, in der eine weitere Fettecke unter dem Titel: Fettecke aus: »Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet« zu finden ist. Sie ist Beuys' Ausdruck seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit dem französischen Konzeptkünstler und Erfinder des Ready-mades (zur Kunst erhobener Alltagsgegenstand). Marcel Duchamp (1887–1968).5 In dieser Präsentation kann Stuhl mit Fett als Antwort auf Duchamps Ready-mades, etwa seines berühmten Roue de bicyclette (FahrradRad) von 1913 gedeutet werden. Damals hatte Duchamp eine Fahrradfelge auf einem weißen Hocker installiert und provokativ in einen Ausstellungsraum überführt.
1964 reagierte Joseph Beuys in der gleichnamigen TV-Aktion Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet auf den bereits 81-jährigen Künstlerkollegen.
1970 sorgte Beuys selbst dafür, dass Karl Ströher (1890–1977) Stuhl mit Fett für Block Beuys der Sammlerin Stella Baum (1921–2006) in Wuppertal abkaufte.6
(1) Die Datierung von Stuhl mit Fett variiert. Die Jahreszahl 1963 findet sich erstmals 1967 im Katalog Kunst des 20. Jahrhunderts aus rheinisch-westfälischem Privatbesitz, Düsseldorf 1967, Abb. 125. Später wird dagegen 1964 angegeben. 1990 erfolgte die Re-Datierung durch den Nachlass Beuys; vgl. Eva, Wenzel und Jessyka Beuys, Joseph Beuys. Block Beuys, München 1990, S. 346. Von dem Werk sind drei Varianten bekannt: das Darmstädter Exemplar, der Fettstuhl (1964–1985) mit Thermometer, Sammlung Tate Britain sowie ein Stuhl mit Fett, der zu dem Werk dernier espace avec introspecteur (Letzter Raum mit Introspekteur), 1964–1982, Staatsgalerie Stuttgart, gehört.
(2) Wann die Margarine ersetzt wurde, ist unbekannt; vgl. Gespräch zwischen Klaus Beck und Petra Richter, 13.10.1993, in: Petra Richter, Mit, neben, gegen. Die Schüler von Joseph Beuys, Düsseldorf 2000, S. 89. Vgl. Gespräche mit Beatrix Sassen, 4. und 15.5.2020, in: Gabriele Mackert, Make a Chair! Man sollte Joseph Beuys’ Kritik an Marcel Duchamp nicht überbewerten, in: Gabriele Mackert (Hrsg.), Tagung. Symposium. Block Beuys Darmstadt 2021, Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Köln 2021, S. 231. Um die Form auf dem Stuhl haltbarer zu machen, hat Beuys wie in Stuttgart die Fettmasse in Wachs abgeformt. Vgl. Karin von Maur, Zur Entstehungsgeschichte des Stuttgarter Beuys-Raumes, in: Volker Harlan, Dieter Koepplin, Rudolf Velhagen (Hrsg.), Joseph Beuys-Tagung Basel 1.–4. Mai 1991, Basel 1991, S. 205f.
Beuys zu seinen Objekten, in: Der Block Beuys im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt, Blätter für Besucher 11, Hessisches Landesmuseum Darmstadt, S. 5. Übersetzung von Barbara Strieder aus dem englischen Original, in: Caroline Tisdall (Hrsg.), Joseph Beuys, Kat. The Solomon R. Guggenheim Museum, New York, London 1979, S. 72.
(3) Beuys zu seinen Objekten, in: Der Block Beuys, S. 5. Als »Fettstuhl« bzw. »Steatorrhoe« wird in der Medizin die Folge einer Fettverdauungsstörung bezeichnet.
(4) Vgl. ebd. S. 5.
(5) Beuys, Die Fettecke ist nur ein kleines Glied innerhalb einer langen Reihe von Begriffen, in: Werner Krüger, Wolfgang Pehnt (Hrsg.), Künstler im Gespräch, Köln 1984, S. 36–50, hier: S. 43.
(6) Vgl. Brief Stella Baum an das HLMD, 21.10.1997, sowie Aktennotiz, 18.7.1985. o. Archiv-Nr.
Vgl. Donat de Chapeaurouge, Marlene Baum (Hrsg.), Stella Baum, Kunst ist unwiderstehlich, Wuppertal 2011, S. 70f.
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