EURASIENSTAB. 82 min
fluxorum organum (flüssiges Werkzeug), 1967/68
2. Juli 1967 in der Galerie nächst St. Stephan, Wien und 9. Februar 1968 in der Galerie Wide White Space, Antwerpen
mit Joseph Beuys und dem dänischen Komponisten Henning Christiansen (1932–2008)
Die Aktion in Antwerpen wurde vom Kameramann Paul de Fru (o. A.) gefilmt.
Im Vorfeld der Aktion hatte Beuys die Räume mit Fett präpariert. Außerdem ließ er vier Filzwinkel von L-förmigem Querschnitt und zwei massive, gekrümmte Kupferstäbe produzieren. Ihre Längen entsprachen den Raumhöhen. Die gebogene Form erinnerte an einen Hirten- oder Bischofsstab.
Verlauf der Aktion:
Henning Christiansens minimalistische Orgelmusik begleitete Beuys’ Handlungen, etwas das Heben des Stabes oder dessen Berühren von Boden und Decke. Damit wollte er kosmische Ströme und Kraftquellen anzapfen sowie spirituelle Energien ins Gleichgewicht bringen.
Auf einem Kaminsims formte er Margarine, an der Raumdecke eine Fettecke. Im Türrahmen band er sich eine Eisensohle unter den rechten Fuß. Die Filzwinkel positionierte er um die Deckenlampe und richtete einen Eurasienstab in einem Filzwinkel auf. Im Verlauf der Aktion lehnte Beuys den schweren Stab an alle vier Filzwinkel.
Dazwischen hob und senkte Beuys den rechten Fuß mit der Eisensohle – in Anlehnung an die anthroposophische Bewegungskunst Eurythmie. In die rechte Kniekehle klemmte er sich Margarine und beugte sein Bein, bis die Margarine herausquoll. Später provozierte er mit dem Satz: »Ich denke sowieso mit dem Knie.« Mit Kreide schrieb er die Begriffe »BildkopfBewegkopf« und »der bewegte Isolator« auf den Fußboden: Schlüsselbegriffe seiner plastischen Theorie. Außerdem zeichnete er zwei Pfeile. Sie verwiesen auf eine gegenseitige Beeinflussung von Geist und Körper, Denken und Handeln.
Foto: Momentaufnahme der Aktion EURASIENSTAB in der Galerie nächst St. StephanWien, 1967
Deutung der Aktion:
Eurasien ist eine zentrale Idee im Werk von Joseph Beuys. Sie beinhaltet die Suche nach einer (wieder)zufindenden Einheit. Diese Idee hatte bereits während des Zweiten Weltkriegs und des Kalten Kriegs als utopische Internationalität entwickelt. Beuys wollte Ost und West, aber auch Rationalität und Spiritualität miteinander verbinden.
Im Jahr 1958 fertigte er eine erste Plastik mit dem Titel Eurasier an. Es handelt sich um eine Figur aus Mullbinden mit einem gebogenen Kupferstab, die auf einer Filzfläche steht.
An Filz und Kupfer interessierte Beuys nicht nur deren isolierende bzw. leitfähige Wirkung, sondern er übertrug das Prinzip auch auf den Menschen: »Es kommt alles auf den Wärmecharakter im Denken an«, auf die Kreativität, als revolutionären Motor aller Entwicklung.
Foto: EURASIENSTAB, Plakat zur Aktion in Antwerpen, 1968
Filmdoukumentation
Joseph Beuys und Henning Christiansen. Eurasienstab, Aufnahme der Aktion in der Galerie Wide White Space, Antwerpen (1968)
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