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Iphigenie / Titus Andronicus, 1969

Mit Passagen aus »Iphigenie auf Tauris« von Johann Wolfgang von Goethe und »Titus Andronicus« von William Shakespeare

29. und 30. Mai 1969 auf der experimenta 3 der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste im Theater am Turm, Frankfurt am Main

© Abisag Tüllmann, 1969

Im Frühjahr 1969 baten der Regisseur Claus Peymann (*1937) und der Dramaturg Wolfgang Wiens (1941–2012) Joseph Beuys um ein Bühnenbild für das Frankfurter Theaterfestival experimenta 3. Allerdings lieferte Beuys ihnen mehr als einen szenischen Raum – nämlich eine Aktion.

Verlauf der Aktion:
Für seinen Auftritt holte Beuys einen Schimmel auf die Bühne, dessen weißes Fell in der Dunkelheit hervorstach. Das Pferd stand auf einer Eisenplatte und fraß Stroh. Das Scharren seiner Hufe, sein Schnauben und Urinieren wurden durch ein Mikrofon verstärkt. Im Vordergrund stand ein weiteres Mikrofon. Auf dem Boden befanden sich Kreidezeichnungen, eine Partitur, Margarine­, Zuckerwürfel und ein Kupferstück. Beuys, mit Hut, einem Mantel aus Luchspelz und goldfarbenen Orchesterbecken, rezitierte den Eingangsmonolog der Iphigenie.

Danach legte er Mantel und Orchesterbecken in die Bühnenmitte und begann hin- und herzulaufen. Währenddessen drangen die gesprochenen Verse über Sehnsucht und Pflichterfüllung aus Goethes Tragödie Iphigenie auf Tauris und Shakespeares Kriegsdrama Titus Andronicus über Lautsprecher durch den Theatersaal. Beuys selbst rezitierte synchron oder zeitversetzt, breitete die Arme aus, als würde er fliegen, fütterte das Pferd mit Zucker und erzeugte Kehlkopflaute vor dem Mikrofon. Er schlug die Becken, nahm einen Margarinewürfel in den Mund und spuckte ihn auf die Bühne. Schließlich balancierte er das Kupferstück auf dem Kopf. Diese Handlungen wiederholte er mehrfach. Das Publikum kommentierte lautstark.

Foto: Momentaufnahme der Aktion Iphigenie / Titus Andronicus, 1969

Deutung der Aktion:
Schon früh zeigte Joseph Beuys ein grundlegendes Interesse an Sprache und an der Idee, starre Sprachstrukturen aufzubrechen, um so eine ursprünglichere Ausdrucksfähigkeit der menschlichen Stimme zurückzugewinnen: »Mein Weg ging durch die Sprache, so sonderbar es ist, er ging nicht von der sogenannten bildnerischen Begabung aus.«1

»Ich habe diese Aktion in Frankfurt gemacht, wo ich nicht mehr daran interessiert war, mit Objekten zu hantieren, sondern wo Sprache das Objekt sein sollte […], weil ich meinte, es wäre jetzt Zeit, mit der Sprache selbst so zu hantieren, wie ich zum Beispiel vorher mit Filzplastik hantiert habe, und das auf die Sprache zu übertragen.«2

Oft setzt sich der Künstler mit weiblichen Figuren auseinander. Iphigenie verkörperte als priesterliche Hüterin menschlicher Werte eine heroische Weiblichkeit, die ihn faszinierte. Ein wichtiger biographischer Bezug zu Goethes Drama ergab sich aus dem Handlungsort – die Halbinsel Krim. Hier war Beuys als Soldat im Zweiten Weltkrieg mit dem Flugzeug abgestürzt.

Im Jahr 1971 stellte Beuys erneut einen Bezug zu Iphigenie her. Vor Anselm Feuerbachs (1829–1880) Gemälde Iphigenie (1862) im Hessischen Landesmuseum Darmstadt gab er für den deutsch-ungarischen Kunstkritiker László Glozer (*1936) und dessen Film Wie modern ist moderne Kunst ein Interview.

Foto: Joseph Beuys vor dem Gemälde Iphigenie von Ansel Feuerbach, 1971

Werke aus der Aktion in Block Beuys

»Fond 0 + Eisenplatte«, 1957, Block Beuys, Raum 3

(1) Vgl. »Manuskript zu ,Sprechen über das eigene Land: Deutschland«, 20.11.1985, Münchner Kammerspiele, zit. nach: Eva Beuys, Heiner Bastian (Hrsg.), Joseph Beuys. Das Geheimnis der Knospe zarter Hülle, Texte 1941–1986, München 2000, S. 27.

(2) Beuys im Interview, in: Rolf-Gunter Dienst, Noch Kunst. Neuestes aus deutschen Ateliers, Düsseldorf 1970, S. 28–47.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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