Beschreibung des Werks:
Das erste Werk, das die Besuchenden von Block Beuys antreffen, hat den Charakter eines Modells. Auf dem grauen Teppichboden ist eine rotbraun gestrichene Holzbohle mit einer Bank platziert. Im vorderen und hinteren Bereich des Raums verläuft eine mit gelber Dispersionsfarbe gezogene Linie zwischen zwei Holzplanken, denen Beuys den Titel Sender (2 x Fettfüße) gab. Beinahe berührt diese Linie jene Holzbohle. Zwei bespannte Keilrahmen mit den Titeln 115 x 200 und 100 x 180 rechts und links des Eingangs in Raum 2 gehören ebenfalls zum Werk.
Deutung des Werks:
Die Transsibirische Eisenbahn verbindet auf einer Strecke von mehr als 9.000 Kilometern die russische Hauptstadt Moskau mit der Hafenstadt Wladiwostok am Pazifik. Auch Beuys’ gleichnamiges Werk folgt der Idee einer Verbindung von Ost und West (EURASIA, »Eurasien«), die sich zudem im Objekt Eurasier wiederfindet.1 Inspiriert vom Anthroposophen Rudolf Steiner (1861–1925) glaubte Beuys an die Utopie eines offenen Raumes ohne ideologische Grenzen. »Eurasien« heißt die Landmasse, die sowohl das geografische Europa als auch Asien umfasst. In größeren Dimensionen gedacht, beabsichtigte Beuys, Ost und West und damit auch das geteilte Europa, Intuition und Intellekt, Spiritualität und Rationalität zu einer gesellschaftsverändernden Kunst der Menschlichkeit zu vereinen.2 Darauf basiert sein Begriff der sozialen Plastik.
Beuys sprach oft von seinen Werken als Transportmittel oder Vehikel für Ideen.3 So scheint es, als ob die mittlere Holzbohle wie ein Bahnwaggon entlang der Linie zwischen den beiden Sendern verkehrt. Die Linie ist nicht gerade, sondern schlängelt sich, einer Eisenbahnroute gleich, die durch die Landschaft verläuft. Sie stellt den Kontakt zwischen den beiden Polen der Sender her und zeigt deren Kommunikationsweg: eine Art geistige Reise.
Beide Sender sind mit einer Fettecke versehen. Nach mehr als 50 Jahren sind die einst akkuraten hellgelben Fettkeile inzwischen zu rotbraunen Fettlachen zerlaufen. Beuys wählte bewusst Fett als formbare Substanz. Denn seine Plastiken sollten nicht statisch sein, sondern sich den Prozessen physischer Veränderungen aussetzen – in Anlehnung an menschliche und gesellschaftliche Transformationen.
Im Februar 1970 entstand der Film Transsibirische Bahn. Gespräch am Strand zu lang im Louisiana Museum, Humlebæk bei Kopenhagen. Das Museum zeigte damals in der Ausstellung Tabernakel die Installation Transsibirische Bahn.
(1) »Die Transsibirische Bahn ist ganz einfach nur die Idee des Eurasiers.« Joseph Beuys 1984, in: Vgl. Mario Kramer, Joseph Beuys. »Das Kapital Raum 1970–1977«, Heidelberg 1991, S. 27.
(2) Vgl. Barbara Strieder, Joseph Beuys und die Figur des Schamanen, in: Joseph Beuys und die Schamanen, Kat. Museum Schloss Moyland, Bedburg-Hau 2021, S. 18ff.
(3) Vgl. Beuys im Interview mit Jörg Schellmann und Bernd Klüser 1970/1977, in: Jörg Schellmann (Hg.), Joseph Beuys. Die Multiples. Werkverzeichnis der Auflagenobjekte und Druckgraphik 1965–1986, München 1992, S. 9.
/f/128870/3562x3544/003e4a082c/bb-raum-2_film39-6.jpg)