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Transsibirische Bahn, 1970

Aktion für die Kamera

16 mm-Film, 22 min, schwarz-/weiß, Kamera: Ole John (o. A.)

Filmaufnahmen im März 1970 im Louisiana Museum Humlebæk bei Kopenhagen (Dänemark) in der Ausstellung Tabernakel, Installation Transsibirische Bahn

Nach Aussage von Beuys verwirklichte er hier eine Idee aus dem Jahr 1959: eine Installation hinter einer Wand mit einem Guckloch.

Verlauf der Film-Aktion:
Im Film empfängt Beuys den Zuschauer in einem Mantel aus sibirischem Luchs. Das prunkvolle Kleidungsstück erinnert an eine königliche Robe oder an das Outfit eines Popstars. Für eine scheinbar weite Reise gewappnet, spricht er entschlossen die rätselhaften Worte: »Gespräch am Strand zu lang«. Der Film kommt fast ohne Handlung aus. Er erzählt nicht, sondern lädt zur konzentrierten Beobachtung des Geschehens ein.

Der leere Raum schafft eine Atmosphäre der Verlassenheit: Im Vordergrund sind Sender mit Fettecke und, zentral, die große Holzbohle der Transsibirischen Bahn zu sehen. Die beiden umgedrehten Leinwände 100 x 180 und 115 x 200 im Hintergrund werden von Beuys später, unabhängig vom Film, als »Leerformen« bezeichnet.

Die Kamera kommt mit nur zwei Zooms aus, wenn sie sich zu Beinn und am Ende dem zentralen Objekt nähert. Es scheint so, als nähere man sich dem Guckloch, um dadurch die Szenerie besser zu überblicken. Beim Zurücktreten jedoch verengt sich das Sehfeld wieder. Die Kamera lässt sich Zeit. Sie wandert über die Installation und ruht, wie zur eingehenderen Untersuchung, auf einzelne Objekte und Ausschnitte. Hypnotisch pendelt sie hin und her. Dann doppelt sich das Bild.

Die Zuschauenden werden suggestiv zu eigenen (Denk­-)Bewegungen ermuntert. Während der psychedelisch anmutenden Überblendungen tritt Beuys ins Bild und nagelt die beiden Leinwände lautstark fest. Das Geräusch nannte er später »ThorHämmern« – in Anlehnung an die nordische Mythologie. Beuys zeichnet eine Linie auf den Boden und markiert so (Kommunikations­)Wege zwischen den Sendern. Durch Überblendungen gerät das Bild aus den Fugen. Die Imagination überwindet das Reale.

Foto: Filmstill aus Transsibirische Bahn, 1970

© VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Deutung der Aktion:
Die namensgebende Transsibirische Eisenbahn verbindet mit mehr als 9.000 Kilometern die Metropole Moskau mit dem Pazifik. Vor diesem Hintergrund entwickelte Beuys die Vorstellung einer imaginären Reise. Sie solle Ost und West sowie Intuition und Intellekt, Spiritualität und Rationalität miteinander verbinden und schließlich zu einer anthropologischen, gesellschaftsverändernden Kunst führen. Hierfür prägte er den Begriff der sozialen Plastik.

Das Fundament seines erweiterten Kunstbegriffs ist der Mensch, der durch Denken und Sprechen soziale Strukturen entwickelt. Die Aufgabe der Kunst sei es, ihm sein kreatives Potenzial bewusst zu machen.

Die Filmdose von Transsibirische Bahn beschriftete Joseph Beuys in Anspielung an die längste Zugstrecke der Welt wie ein Stückgut im Bahnverkehr. Ihr Transportweg war allerdings ausgesprochen klein: vom Hauptbahnhof München im Westen über München-Laim nach München-Ost.

Foto: Filmdose mit dem Film Transsibirische Bahn

Werke aus der Aktion in Block Beuys

»Transsibirische Bahn«, 1961, »Sender (2 x Fettfüße) Holz-Farbe-Wachs«, 1964 sowie »115 x 200«, 1961 und »100 x 180«, 1961, Block Beuys, Anordnung der Installation ab 1984 in Raum 1

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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