Beschreibung des Werks
Die weiß bezogene Liege in der hinteren linken Ecke von Raum 1 ist den Eintretenden zugewandt. Sie besteht aus drei Polsterteilen1 und erinnert an eine Chaiselongue oder ein Bett. Ohne Beine ist sie direkt auf dem Boden abgestellt. Das aufgerichtete Kopfteil wird von einer breiten, gebogenen Klammer aus Kupfer in Position gehalten. Vom Kopfteil hängt eine Stoffschlaufe herunter.2 Das Möbel erinnert an einen spartanischen Schlafplatz, ein Krankenlager oder eine Klappmatratze für Gäste.
Ähnlich wie der Filzanzug der in Raum 2 als hängende Hülle auf einen menschlichen Körper verweist, bietet LICHAMEN einen leeren Platz an, der gedanklich eingenommen werden kann.
Deutung des Werks:
Das Werk ähnelt einer Ruhestätte, aber auch einem Körper:3 Seine Dreiteilung entspricht der Gliederung des menschlichen Körpers in Kopf, Rumpf und Beine. Der weiße Bezug lässt sich als bleiche Haut und die Metallspange als Wirbelsäule betrachten. Durch den Körperkontakt mit dem leitfähigen Kupfer wird ein Energieaustausch versinnbildlicht. Bei LICHAMEN würde dieser Verbindungsstrom seinen Ausgang auf Höhe des Herzens einer aufgerichteten Person nehmen.
Seinen heutigen Titel erhielt das Werk während einer Ausstellung im niederländischen Eindhoven (1968).4 Der ursprüngliche Titel Körper (Kupfer, Leinwand, Filz) wurde dafür ins Niederländische übersetzt: LICHAMEN. Beuys behielt diesen Titel bei. Im Mittelhochdeutschen steht das Wort »līcham(e)« für Leib, Körper sowie Leiche.5 Die selbst genähte Hülle6 lässt an ein Grabtuch denken. Die Skulptur ähnelt historischen Darstellungen von der Erweckung des in Grabtücher gehüllten Lazarus durch Jesus Christus: eine Schwellensituation zwischen Leben und Tod, in der sich der von den Toten erweckte Körper aufrichtet.
Die in LICHAMEN angerissenen Themen Tod, Heilung und Genesung kommen in Block Beuys immer wieder vor. Zeitlebens setzte sich Beuys mit Krisen auseinander, die auch seine Biografie prägten. Den Menschen sah er als verletzliches Wesen, das, genau wie die Gesellschaft, der Heilung bedarf. Kreativität war dafür der Schlüssel.
Außer LICHAMEN beziehen sich noch andere Objekte in Block Beuys auf den Körper – etwa mein und meiner Lieben verlassener Schlaf und gummierte Kiste in Raum 2 oder Stuhl mit Fett in Raum 3.
(1) Aus großen grünen Stuhlkissen, die Beuys laut Eva Beuys als »Filz« bezeichnete; vgl. Archiv Block Beuys, Gespräch J. B. Estate, 14.12.2004.
(2) Barbara Gronau, Theaterinstallationen. Performative Räume bei Beuys, Boltanski, Kabakov, Paderborn 2010, S. 122.
(3) Vgl. ebd., S. 121f.
(4) BEUYS, Stedelijk Van Abbemuseum Eindhoven, 22.3.–5.5.1968.
(5) Vgl. Hermann Paul, Deutsches Wörterbuch, Tübingen 1992, S. 522. https://www.dwds.de/wb/Leichnam (3.11.2022).
(6) Eva Beuys habe den Bezug aus Leinwand-Meterware genäht; vgl. Archiv Block Beuys, Gespräch J. B. Estate, 14.12.2004.
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