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Beschreibung des Werks:
Hoch über dem Eingang von Raum 2 nagelte Beuys am 8. März 1971 einen seiner Filzanzüge an die Wand.1 Hinter dem Rücken der Eintretenden scheint er als leere Hülle zu entschwinden. Der Anzug erinnert an die Darstellung einer religiösen Himmelfahrt oder anderer (Seelen-)Reisen. Trotz seiner farblichen und materiellen Schlichtheit besitzt er etwas Engelhaftes, ist gleichsam dem Alltag entrückt.2

Bis Joseph Beuys in den 1960er-Jahren zu seiner ikonischen Künstler-Uniform aus Jeans, weißem Hemd, Fischerjacke und Hut wechselte, trug er regelmäßig Anzüge. Der Filzanzug wurde nach einem von Beuys’ Anzügen geschneidert.3 Im Vergleich zum Vorbild wurde er vergrößert: Ärmel und Hosenbeine wurden verlängert, Knöpfe und Taschen fehlen. Die Nähte sind nicht versäubert (Technik zum Schutz vor dem Ausfransen). Der dicke Filz wirkt steif und unförmig. Das Darmstädter Exemplar entstand zusätzlich zu einer Serie von 100 Anzügen, die Beuys 1970 produzieren ließ.4

Deutung des Werks:
Dieser Anzug, so Beuys, sei nicht dazu gemacht, getragen zu werden.5 Vielmehr handelte es sich um eine Erweiterung seiner Filzplastiken und um einen Vermittler seiner Wärmetheorie.6 Der Filzanzug könne sowohl körperliche als auch geistige Wärme abschirmen. Er diene dazu, sich gegenüber der Außenwelt isolierend zu schützen oder von ihr zu trennen.7 Er »ist also einmal ein Haus, eine Höhle, die den Menschen abisoliert gegenüber allem anderen. Zum anderen ist er ein Zeichen für die Isolation des Menschen in unserer Zeit.«8

Darüber hinaus weckt der Anzug beklemmende Assoziationen zur Kleidung von Gefangenen in Konzentrationslagern. Dieser Eindruck verstärkt sich, sobald viele Filzanzüge, wie im Kunstmuseum Basel, als Stapel arrangiert werden. Beuys wusste darum, habe diese aber so nicht beabsichtigt, wie er selbst äußerte.9 Die Uniformität ziele keinesfalls auf eine Entmenschlichung ab, sondern solle im Gegensatz dazu individuelle Erfahrungen auslösen: Wie würde es sich anfühlen, diese starre Filzhülle anzulegen? Was fände im Inneren dieser Hülle statt?

(1) Die Anbringung des Filzanzugs ist in Glozers Fernsehbeitrag Wie modern ist die moderne Kunst. Bild und Abbild – Kunst, Museen, Leben, Bayerischer Rundfunk 1971, zu sehen. Archiv Block Beuys. Abb. 03-2-12 Fernsehbeitrag Wie modern ist die moderne Kunst.

(2) In Glozers Film lässt sich Beuys vor Anselm Feuerbachs Gemälde Iphigenie interviewen. Matthias Weiß analysiert Beuys' und Feuerbachs Strategie der Entrückung in: Gabriele Mackert (Hrsg.), Tagung. Symposium. Block Beuys Darmstadt 2021. Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Köln 2021, S. 258–295.

(3) Vgl. Beuys im Interview mit Jörg Schellmann und Bernd Klüser 1970/1977, in: Schellmann (Hrsg.), Multiples, S. 16ff.

(4) Das Darmstädter Exemplar ist eines von zehn unsignierten Künstlerexemplaren ohne Etikett; vgl. Jörg Schellmann (Hrsg.), Joseph Beuys. Die Multiples. Werkverzeichnis der Auflagenobjekte und Druckgraphik 1965–1986, München, New York 1992, Nr. 26.

(5) Vgl. Beuys 1970, in: ebd., S. 16. Bei der Aktion the dead mouse/Isolation Unit mit Terry Fox in der Kunstakademie in Düsseldorf 1970 trug er einen der Anzüge.

(6) Vgl. Beuys im Interview mit Jörg Schellmann und Bernd Klüser 1970/1977, in: Schellmann (Hrsg.), Multiples, S. 16, 19.

(7) Vgl. Joseph Beuys im Interview mit Keto von Waberer 1979, in: Carl Haenlein (Hrsg.), Joseph Beuys. Eine Innere Mongolei, Kat. Kestner-Gesellschaft, Hannover 1990, S. 206.

(8) Ebd. S. 206.

(9) Vgl. Beuys im Interview mit Jörg Schellmann und Bernd Klüser 1970/1977, in: Schellmann (Hrsg.), Multiples, S. 16.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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