Beschreibung des Werks:
In Raum 2 ist eine quadratische, kniehohe Kiste abgestellt. Auf den ersten Blick unscheinbar, besticht die tiefschwarze Kiste durch ihre Leere. Ihre Funktion ist unklar, ihr Überzug fremdartig. Eine erwachsene Person hätte in ihr Platz. Mit angezogenen Beinen würde sie die Kiste ausfüllen – einem Embryo in der Gebärmutter gleich. Wie in einem Schutzraum könnte sich darin etwas ungestört entwickeln.
Deutung des Werks:
gummierte Kiste weist autobiografische Bezüge auf. Mitte der 1950er-Jahre befand sich Joseph Beuys in einer Phase vollkommener Niedergeschlagenheit und des Rückzugs.1 Er selbst sprach über die Kiste als Ausdruck seiner damaligen Transformation, in der er sich »konstitutionell völlig umorganisiert«2 habe. Diese Selbstumwandlung wurde ein elementarer Bestandteil seiner Autofiktion.
»Die äußere Erscheinung jedes Objekts, das ich mache, ist das Äquivalent zu einem Aspekt des inneren menschlichen Lebens. Die gummierte Kiste kam aus einer Krisenzeit und drückt meinen damaligen inneren Zustand aus. Meine Gefühle hatten dann diese besondere Art von Dunkelheit – fast schwarz – wie diese Mischung aus Gummi und Teer. Es drückt die Notwendigkeit aus, einen Raum im Geist zu schaffen, aus dem alle Störungen entfernt werden – ein leerer, isolierter Raum.«3
Dunkelheit, wie gummierte Kiste sie suggeriert, verband Beuys mit Kraft. Sie erzeuge den Wunsch nach einem »Gegenbild [...] einem Licht als Gegenpol«.4 Der Titel legt nahe, dass es sich bei dem Überzug um Teer oder Bitumen handelt. Beide Materialien dienen der Abdichtung. Sie sind Schutzüberzüge. Beuys' Gummierung ist ein frühes Experiment mit Isoliermaterial. Später setzte er dafür Filz ein.
In der anthroposophischen Lehre führen vorübergehende Krankheiten und Krisen des Menschen zu langfristiger Heilung und Stärkung. Beuys vertraute dieser Lehre und war davon überzeugt, dass der Heilungsprozess nach dem inneren Leiden die Aktivierung der Kreativität unterstütze – eine Art seelische Umwandlung.
In Block Beuys finden sich weitere Kisten: etwa die mit Schwefel überzogene Zinkkiste in Raum 3 oder Intuition Holz-Fett in Raum 7, Vitrine 7. Diese teilweise mit einem Schutzüberzug versehenen Kisten können ebenfalls als Metaphern für geistige Vorgänge gedeutet werden.
(1) Vgl. Hartmut Kraft, Joseph Beuys. Intuition 1968, Entstehungsgeschichte, Interpretationen und Variationen eines Multiples, Dortmund 2021, S. 22f.
(2) Beuys, zit. nach: Götz Adriani, Winfried Konnertz, Karin Thomas, Joseph Beuys. Leben und Werk, Ostfildern-Ruit 1994, S. 40.
(3) Vgl. Transkript des Audioguides, 1979, Exhibition records. A0003. Solomon R. Guggenheim Museum Archives, New York. Übersetzt nach: Janneke Schoene, Beuys’ Hut. Performance und Autofiktion, Diss. Westfälische Wilhelms-Universität Münster, 2016, S. 191.
(4) Beuys, zit. nach: Antje von Graevenitz, Beuys’ Gedanken zu einem Ofenloch, in: Hannah Weitemeier (Hrsg.), Schwarz, Kat. Kunsthalle Düsseldorf, Berlin 1981, S. 135f.
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