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Beschreibung des Werks:
Dicht nebeneinander stehen zwei einfach genagelte, unbehandelte (weder lackiert noch bemalt) Kisten aus Fichtenholz. Hochkant aufgestellt, eignen sie sich nicht, um irgenetwas darin zu lagern oder zu transportieren. Vollkommen schmucklos sind sie aber nicht. Bei genauerer Betrachtung sind auf der Innenseite des Kistenbodens feine Zeichnungen mit Bleistift zu erkennen. Beuys schrieb in beide Boxen das Wort »Intuition«. Darunter zog er jeweils zwei waagerechte Linien. Die beiden oberen Linien werden wie bei einer Strecke von zwei senkrechten Strichen begrenzt, die unteren nur auf der rechten Seite.

Beide Kisten Intuition Holz-Fett gehören zu einer Serie von rund 12.000 Exemplaren, die Beuys schreinern ließ, eigenhändig beschriftete und als Multiples »Intuition« im VICE-Versand des Verlegers Wolfgang Feelisch (*1937) vertrieb.1 Multiples sind Kunstwerke, die in Serie hergestellt werden: Dennoch ist jedes ein Original. Mit ihnen wollte Beuys seine Kunst direkt zu den Menschen bringen. Anfangs wurden die Kisten preisgünstig für 8,- DM pro Stück verkauft.2 Jeder, so Beuys, sollte sie erwerben können und mit eigenen Inhalten und Gedanken füllen. Unter seinen insgesamt 557 Multiples hatte diese Kiste die höchste Auflage.3
Die beiden Kisten von Intuition Holz-Fett waren jedoch nie für den freien Verkauf bestimmt. Bereits der Titel weist sie als Unikate aus. Auf der Rückseite fehlt der rote Stempel »VICE-Versand«.4 Zudem sind in der oberen Ecke der rechten Kiste Fettrückstände zu erkennen. Ihre linke Außenseite trägt den schwarzen Schriftzug »FETTECKEN«. Solche Besonderheiten finden sich sonst bei keiner Kiste der Multiples-Serie.

Deutung des Werks:
Der ursprüngliche Titel des Werks lautete »Intuition … statt Kochbuch«5. Höchst selten folgt Intuition stur einem Rezept. Kochbuch-Logik wiederum führt kaum zu neuen Erkenntnissen. Beuys' Verhältnis zu menschlicher Rationalität wird in den Linien auf den inneren Kistenböden Intuition Holz-Fett deutlich, die als Schaubilder gedacht sind. Demnach führen die oberen Linienbegrenzungen das limitierte rationale Denken (von A nach B) vor Augen: ein rein vom Verstand gelenktes Handeln. Die unteren Linien stehen dagegen für einen intuitiven Vorgang, der sich spontan entfaltet: ein offener, kreativer Prozess ohne klare Schlussfolgerung. Analog dazu schätzte Beuys das Material Fett als eine Substanz mit kreativem Potenzial. Seine Fettecken sollten zum Beispiel rechte Winkel abrunden, im übertragenen Sinne Erstarrtes (durch Einfetten) wieder beweglich machen.

Neben Intuition Holz-Fett finden sich andere »Werk-Kisten« in Block Beuys, die teilweise ähnlich gedeutet werden können: gummierte Kiste in Raum 2, mit Schwefel überzogene Zinkkiste in Raum 3 oderThe 20th July Aachen Fettkiste in Raum 5, Vitrine 7.

(1) Vgl. Hartmut Kraft, Joseph Beuys, Intuition 1968, Entstehungsgeschichte, Interpretationen und Variationen eines Multiples, Dortmund 2021, S. 6–71.

(2) Vgl. Kraft, Intuition, S. 15.

(3) Vgl. Beuys im Interview mit Jörg Schellmann und Bernd Klüser 1970/1977, in: Jörg Schellmann (Hrsg.), Joseph Beuys. Die Multiples. Werkverzeichnis der Auflagenobjekte und Druckgraphik 1965–1986, München, New York 1992, S. 9.

(4) Die linke Kiste ist rückseitig mit »5« markiert und »Joseph Beuys 1968« signiert, die rechte Kiste trägt keine Signatur.

(5) Vgl. Peter Schmieder, unlimitiert. Der VICE-Versand von Wolfgang Feelisch, Köln 1998, S. 85–89.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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