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Beschreibung des Werks:
Das riesige, an einem Haken in der Wand aufgehängte Filzstück wirkt unförmig. Es wurde aus mehreren Stücken zusammengenäht, auf ihm sind zwei Kreuze aus rotem Stoff angebracht. Die Hängung lässt an eine abgestreifte Hülle denken: zum Beispiel ein Kleidungsstück oder eine monströse Jagdtrophäe: eine Elefantenhaut.
Ganz ähnlich stellte der italienische Maler Michelangelo Buonarroti (1475–1564) den Apostel Bartholomäus in der Sixtinischen Kapelle in Rom dar. Nach seinem Martyrium hält dieser seine abgezogene Haut als leere Hülle in den Händen.1

Für eine Aktion im Juli 1966 hatte Beuys einen Konzertflügel samt Pedalen mit diesem Filzstück passgenau überzogen. Das Instrument schob er dann während eines Fluxus-Konzertes der Cellistin Charlotte Moorman (1933–1991) und des Komponisten und Videokünstlers Nam June Paik (1932–2006) unangekündigt in die Aula der Kunstakademie Düsseldorf. Auf einer Seite der Flügelhülle war bereits ein rotes Stoffkreuz genäht. In der Aula heftete Beuys ein zweites rotes Kreuz auf die andere Filzseite, um wie bei einem Sanitätszelt einen Schutzraum zu markieren. Ohne den Flügel auszupacken oder gar darauf zu spielen, brachte er ihn kurze Zeit später wieder hinaus. Mit Bezug auf den sich damals ereignenden Pharma-Skandal um das Arzneimittel Contergan, das bei Tausenden von neugeborenen Kindern schwere körperliche Schädigungen verursacht hatte, nannte Beuys diese Aktion Infiltration Homogen für Konzertflügel, der größte Komponist der Gegenwart ist das Contergankind.

Deutung des Werks:
Mit der Aktion stellte der Künstler die bis heute vorherrschende Definition von menschlichem Wert und menschlicher Produktivität rigoros infrage: »Viele Menschen sind zwar schlau und intelligent, manche sind auch schön und können sehr schnell laufen, manche sind auch fähig zu großen äußeren Werken, aber was ist denn mit den Menschen, die das alles nicht äußern können, wenn sie ein Schicksal antreffen, das sie an dieser Art von Produktion hindert?«2 Ein Beitrag zur Gemeinschaft, könne, so Beuys, auch Formen kreativen Ausdrucks umfassen, die über die normierten Maßstäbe der Mehrheitsgesellschaft hinausgehen. Infiltration­ Homogen sei ein Sinnbild dafür. Das Werk beschreibe den Charakter des Filzes, der das Klavier infiltriere und es zu einem homogenen Klangdepot mache.3 Im Inneren der Filzhaut klinge wie bei allen Lebewesen ein »Seelenton«, ein »Nicht­Ton«, der jedoch als Ton erst erlebt werden müsse.4 Auch das verpackte Instrument habe ein Klangpotenzial. Es impliziere, dass ein Ding, das schweigt, durchaus etwas aussagen kann. Eine zweite Fassung des in Filz eingenähten Flügels (1968) befindet sich in der Sammlung des Centre Georges Pompidou in Paris.

Die isolierende Wirkung des Materials Filz zeigt sich unter anderem auch beim Filzanzug in Raum 2. Diese wärmende Hülle hängte Beuys ebenfalls hoch an die Wand.

(1) Vgl. Mario Kramer, Klang & Skulptur: der musikalische Aspekt im Werk von Joseph Beuys, Darmstadt 1995, S. 89. Vgl. auch Mario Kramer, Der Elefant im Fluxuszirkus, in: Arbeitskreis Block Beuys Darmstadt (Hrsg.), Vorträge zum Werk von Joseph Beuys, Darmstadt 1995, S. 45–56.

(2) Beuys, in: Georg Jappe, Am Klavier Joseph Beuys, in: Kunst-Nachrichten, Jg. 21, Heft 3 (Mai 1985), S. 73f.

(3) Vgl. Beuys, in: Caroline Tisdall (Hrsg.), Joseph Beuys, Kat. Solomon R. Guggenheim Museum, New York 1979, S. 168.

(4) Beuys, in: Jappe, Am Klavier, S. 73f.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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