Beschreibung der Vitrine:
Eine der Vitrinen in Raum 5 von Block Beuys trägt den Titel Auschwitz-Demonstration. Es ist die einzige Vitrine in Block Beuys, die der Künstler mit einem Titel versah und dieser lässt aufhorchen.
Links in der Vitrine stehen zwei Bottiche. Vermutlich handelt es sich um Getreide- oder Mehlsiebe, die mit Heu befüllt sind. In einem der Siebe liegt eine mumifizierte Ratte, im anderen steckt ein zu einem Blitz gefalteter Zollstock, der mit einer schützenden Filzpolsterung ummantelt ist. Auf der gegenüberliegenden Seite lagern vier getrocknete Blutwürste akkurat nebeneinander. Sie sind mit braun bemalten Plus- und Minuszeichen versehen: ein Verweis auf ihr Energiepotenzial. Eine zentrale Position nimmt die Doppelherdplatte mit zwei darauf ruhenden Wachsblöcken in der Vitrine ein. Dahinter befindet sich ein Teller mit dem modellierten Relief einer Christusfigur. Nur das aufgestellte Leporello mit einer Fotoaufnahme des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau stellt einen direkten Bezug zum Titel her.
Deutung der Vitrine:
Lässt sich das Grauen an jenem Ort, der für die größte menschliche Katastrophe des 20. Jahrhunderts steht, auch nur ansatzweise erahnen? Kann die systematische Ermordung von ca. 1,1 Millionen Jüdinnen und Juden und anderen Gruppen in Auschwitz überhaupt in einem bildkünstlerischen Kontext verhandelt werden? Oder ist nicht doch alles Künstlerische nach Auschwitz ein barbarischer Akt, so wie eine verallgemeinerte Wiedergabe von Theodor W. Adornos (1903–1969) Aussage über die Lyrik im Jahr 1951 nahelegen könnte.1
Was zeigt uns Joseph Beuys in seiner Vitrine über Auschwitz?
In ihr finden sich erneut Alltagsgegenstände unter anderem aus den von ihm bevorzugten Materialien Filz, Kupfer und Fett, die er denkwürdig gruppiert. Rufen sie beklemmende Assoziationen an Tod, Leiden und Barbarei hervor? Wird die Herdplatte zum Krematorium eines Konzentrationslagers? Wiederholt die mumifizierte Ratte in unerträglicher Weise antisemitische Stereotypen des Nationalsozialismus'? Verweist etwa der rot-braun beschmierte Zollstock, der bei der Ziffer 42 abgebrochen ist, auf das Jahr, in dem die sogenannte Endlösung der Judenfrage beschlossen wurde (Wannseekonferenz, 20. Januar 1942)?
Die Christusfigur in der Vitrine scheint hier Opfer und Trostspender zugleich zu sein. Aber können Gebete und Gottesfurcht angesichts dieser Gräuel noch etwas ausrichten? Ist ein Künstler wie Beuys in der Lage, einerseits die Traumata einer Gesellschaft aufzeigen und andererseits an ihrer Aufarbeitung mitzuwirken?
Die Vitrine Auschwitz-Demonstration wolle weder anklagen noch protestieren, sondern trage die Hoffnung auf Veränderung und Verwandlung in sich. Die Vitrine sei nicht entstanden, so Beuys, um die Katastrophe wiederzugeben oder gar zu illustrieren.2 Der Titel und die Umsetzung implizieren nicht die Darstellung der Ereignisse in einem Konzentrationslager. Vielmehr fragen sie nach dem Wesen und der Bedeutung der Katastrophe und danach, wie sie schmerzlich, oftmals langwierig überwunden werden kann. Auschwitz-Demonstration sei der Versuch, eine heilende Medizin aufzubereiten.3
Im Jahr 1958 beteiligte sich Beuys mit einem Entwurf am internationalen Wettbewerb für ein Mahnmal in Auschwitz-Birkenau, den er 1963 nochmals überarbeitete.
(1) »Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frisst auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.« Theodor W. Adorno in: Gesammelte Schriften, Band 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I , Prismen. Ohne Leitbild. Frankfurt am Main 1977, S. 30.
Der Satz wurde sehr unterschiedlich interpretiert und auf die Kunst im Allgemeinen übertragen. Adorno selbst hatte ihn dialektisch auf die Lyrik bezogen. Sein Aufsatz sorgte in der jungen Bundesrepublik Deutschland für eine umfassende geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung.
(2) Vgl. Joseph Beuys zit. nach Sünner, Rüdiger: Zeige deine Wunde: Kunst und Spiritualität bei Joseph Beuys – Eine Spurensuche, Kapitel 14: Das Prinzip Auschwitz. München 2021, o. S. Vgl. Joseph Beuys im Gespräch mit Max Reithmann, 1982, zit. nach Block Beuys 1990, S 184. Vgl. Riegel, Hans-Peter: Joseph Beuys: Die Biographie. Kapitel Auschwitz-Demonstration, S. 305.
(3) Vgl. Max Reithmann zit nach: Ermen, Reinhard: Joseph Beuys, Hamburg 2020, S. 65.
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