FESTUM FLUXORUM, 1963
Aktionen Sibirische Symphonie, 1. Satz und Komposition für 2 Musikanten
2. und 3. Februar 1963, Kunstakademie Düsseldorf, vierte Station einer von George Maciunas (1931–1978) organisierten Fluxus-Tournee mit zwei Aktionen des Künstlers Joseph Beuys
Was ist Fluxus?
Fluxus ist der Name einer Kunstbewegung, die um 1960 in Europa und den USA entstand. Der Begriff leitet sich vom lateinischen »Wort für das Fließen« ab. Der Künstler George Maciunas prägte ihn im Jahr 1961. Viele der beteiligten Künstlerinnen und Künstler wollten die Grenzen zwischen Kunst und Leben auflösen. In Performances und Aktionen vollzogene Handlungen erhoben sie zur Kunst.
Beuys' Zusammenarbeit mit der Fluxus-Bewegung begann, nachdem diese deutsche Kunstwelt aufgewirbelt hatte. An Fluxus interessierte ihn das Dynamische, Prozesshafte und der Wunsch nach einer antielitären Kunst. In diesem Sinne bezeichnete Beuys später seine Aktionen und Ausstellungen als »Parallelprozesse«.
Mitte der 1960er-Jahre entfernte sich Beuys von Fluxus. Zentrale Fluxus-Requisiten aber, wie Klavier oder Schultafel, integrierte er weiterhin in viele seiner Aktionen.
Sibirische Symphonie 1. Satz, 1963
Seine erste Aktion vor Publikum charakterisierte Beuys als musikalisches Landschaftsbild, als Symphonie. Zuvor hatte er einen Flügel und eine Schultafel mit einer Schnur verbunden, und darunter einen Hut, Zweige und einen Tonklumpen abgelegt.
Verlauf und Deutung der Aktion:
Beuys betrat die Bühne, befestigte einen toten Hasen kopfüber mit Haken an einer Schnur und ließ ihn an der Tafel herabhängen. Auf dem Flügel spielte er kurz eine eigene Komposition, dann andeutungsweise Passagen aus der Messe des Pauvres und aus Sonneries de la Rose + Croix von Erik Satie (1866–1925).
An die Tafel schrieb er rätselhafte Zeichen und wischte sie wieder aus. Das Ende der Schnur verband er durch eine gebogene Nadel mit dem Herzen des Hasen. Dann entnahm er dem Hasen das Herz und legte es auf die Schultafel, sodass es durch die Kordel über die Zweige und den Tonklumpen mit dem Flügel verbunden war.
Im Nachhinein nannte Beuys das Tier ein Organ des Menschen, ohne das er nicht lebensfähig sei. Dagegen verkörperte das Klavier die Hochkultur: kostbar, klangvoll, aber auch statisch und kalt. Beuys führe dem Instrument durch das Hasenherz organische Wärme zu. Das Herz als Bewegungszentrum überführe, so Beuys, Chaos in Form und vermittle zwischen Willen und Gedanken. Die Kordelverbindung assoziierte er mit einer elektrischen Oberleitung vom Hasen zum Klavier.
Beuys bezeichnete auch das Werk Szene aus der Hirschjagd als statischen »Akteur«: »Ja, es handelt sich um einen großen Schrank mit Fächern, die zum Teil mit […] kleineren Objekten gefüllt sind, die ich bei Aktionen benutzt habe...«1
Foto: Momentaufnahme der Aktion Sibirische Symphonie, 1. Satz, 1963 (Joseph Beuys spielt auf dem Flügel.)
Komposition für 2 Musikanten, 1963
Am zweiten Tag des Festivals nutzte Beuys eine Lücke zwischen zwei Aufführungen für eine kurze Intervention.
Verlauf und Deutung der Aktion:
Beuys zog ein Blechspielzeug auf und stellte es auf die Bühne. Geräuschvoll verbreiteten die beiden bunt bemalten Harlekine, ein Schlagzeuger und ein Beckenspieler, Heiterkeit im Publikum. Der Titel erhob diesen nur 20-sekündigen Beitrag in den Rang einer »Komposition«.
Beuys verwendete häufiger Gegenstände aus dem Kinderzimmer: Brummkreisel, Boxhandschuhe für Kinderhände oder Blechspielzeug. Sie versinnbildlichten für ihn das Kindliche und Dynamische.
Foto: Plakat zur Veranstaltung FESTUM FLUXORUM – Fluxus – Musik und Antimusik – Das instrumentelle Theater, Staatliche Kunstakademie Düsseldorf, 1963 (Detail)
Werke aus beiden Aktionen in Block Beuys
(1) Beuys, zit. nach: Wulf Herzogenrath (Hrsg.), Selbstdarstellung. Künstler über sich, Düsseldorf 1973, S. 27f.
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