Beschreibung des Werks:
In Raum 2 von Block Beuys steht ein kurioser Schrank, ein hölzerner Spind aus Beuys' Arbeitsraum in der Kunstakademie Düsseldorf, die ihm 1961 eine Professur übertrug.1 Alle zehn Türen stehen gleichmäßig offen, jedes Fach hat eine Schublade. Der Schrank zeugt von einer ausgeprägten Sammlerleidenschaft und ist übervoll. Sich hier neugierig zu vertiefen, hat fast intimen Charakter, da das Durcheinander viele Assoziationen weckt – sowohl zur eigenen Biografie als auch zu der von Joseph Beuys.
So liegt etwa ein aufgeschlagenes Büchlein bereit, als könne darin jederzeit weitergelesen werden. Vielleicht verweist es auf Beuys' Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg, denn es handelt sich um ein Handbuch für Soldaten und Reservisten.
Der Schrank ist unter anderem ein Lager von Materialien, die beim plastischen Arbeiten gebraucht werden – darunter Zirkel, Maßinstrumente, Pigmente. Zudem befinden sich Werkzeuge wie ein Drill zum Verdrahten und eine Schusterahle zum Stechen von Löchern in den Fächern. Alltagsutensilien zum Kochen, Aufbewahren, Transportieren und Kommunizieren sind ebenso vorhanden wie Gegenstände aus der Medizin: Ampullen, Spritzen, Pflaster, Watte und Salben. Versteckt hat sich dort auch eine von Beuys' Kunstpillen. In einem Fach ist das Zeitungsfoto von der Schauspielerin Marilyn Monroe (1926–1962) zu sehen, darauf liegt ein Lippenstift. Einige Gegenstände, die Beuys in der Aktion FESTUM FLUXORUM (1963) verwendete, sind im Schrank zu entdecken.
Deutung des Werks:
Der Begriff »Szene« deutet auf einen Schauplatz oder einen Vorgang hin. »Im ganzen habe ich den Schrank mit diesen Zeitungskreuzchen während einer Aktion benutzt, als ein Bestandteil der Bühne, ein Akteur selbst, der nur statisch steht. Im konventionellen Sprachgebrauch könnte man sagen, dieser Schrank hatte die Funktion eines Bühnenbildes. Nur war er mehr als ein Bühnenbild. Er war Akteur, ein statischer Akteur.«2 Beuys spricht hier über das aktivierende Potenzial eines Gegenstandes und spekuliert darauf, dass die Betrachtenden versuchen, Gemeinsamkeiten zwischen den abgelegten Dingen zu entdecken und selbsttätig eine Geschichte zu konstruieren. Manches ist leicht identifizierbar, bei anderen Dingen weiß man nicht sofort, was es damit auf sich hat. Ein klarer Überblick erscheint aussichtslos. Die Unordnung sprengt das Auffassungsvermögen. Nach welchen Kriterien würde man hier Ordnung schaffen?
Das im Titel Szene aus der Hirschjagd erwähnte Tier findet sich in diesem Werk nirgends. In der christlichen Ikonographie ist der Hirsch ein Christussymbol und Sinnbild der Erkenntnis. In Anlehnung an Mythologien in der Vor- und Frühgeschichte, der Antike und bei den Kelten deutet ihn Beuys als einen mit geistigen Kräften versehenen Seelenbegleiter und Heiler in Zeiten von Not und Gefahr.3
Beuys' Schrank erinnert an Wunderkammerschränke, die ab dem 16. Jahrhundert für fürstliche Kuriositätensammlungen angefertigt wurden. Lange bevor Schauvitrinen zum Einsatz kamen, bewahrten die Besitzer ihre Kostbarkeiten in Fächern, Kästen und versteckten Schubladen auf. Dies steigerte die Lust am Geheimnisvollen und lud wie in Szene aus der Hirschjagd zum Stöbern ein.
(1) Vgl. Eva Beuys u.a. 1990, S. 306f. Aber: Gespräch J. B. Estate, 14.12.2005: Eva Beuys hat den Schrank nie in der Akademie gesehen. Siehe Kopie Archiv Block Beuys. Vgl. Gerhard Theewen, Joseph Beuys. Die Vitrinen. Ein Verzeichnis, Köln, 1993, S. 15.
(2) euys am 19. Januar 1972 im Gespräch mit Wulf Herzogenrath in: Wulf Herzogenrath (Hrsg.): Selbstdarstellung: Künstler über sich, Düsseldorf 1973, S. 27f.
(3) Plastik und Zeichnung Interview mit Professor Beuys, in: Kunst. Magazin für moderne Malerei, Grafik, Plastik, Mainz, November Dezember 1964 / Januar 1965, S. 127f. sowie Plastik und Zeichnung Interview mit Professor Beuys, in: Kunst. Magazin für moderne Malerei, Grafik, Plastik, Mainz, November Dezember 1964 / Januar 1965, S. 127. (Märchen vom Chef der Hirschführer: Der Hirschführer produziere »heilsame Nebenprodukte«, namentlich »Kunst zum Einreiben in Form von Salbe, Kunst in Wurstform zum Scheibenabschneiden.«
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