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DER CHEF / THE CHIEF, 1964

Fluxus Gesang

1. Dezember 1964 in der Galerie René Block, Berlin, erste Einzelaktion von Joseph Beuys

Foto: Urheber unbekannt

Joseph Beuys präparierte den ca. 40 Quadratmeter großen Galerieraum vor der Aktion mit Kugeln verzwirbelter Haare, abgeschnittenen Fingernägeln sowie einem Fettstreifen, drei Fettecken und einem Fettkubus.

Verlauf der Aktion:
Beuys wickelte sich mit einer Eisenbahnermütze und einem Mikrofon in eine Filzrolle ein. Bewegungslos verharrte er darin acht Stunden bis Mitternacht. Zwei tote Hasen lagen als Verlängerung an den Enden der Filzrolle. Beuys' Kopf war vom Publikum abgewandt. Quer am Kopfende lag eine kleine Filzrolle mit Kupferstab. An der Wand lehnte ein weiterer Kupferstab mit kurzer Filzumwicklung.

Das Publikum hielt sich im Vorraum auf, denn Beuys hatte den Eingang zur Galerie mit Latten versperrt. Dort wurde die Komposition Dialectical Evolution des dänischen Komponisten Henning Christiansen (1932–2008) vom Band abgespielt.

Immer wieder hörte man – stark elektrisch verstärkt – den eingewickelten Künstler atmen, röcheln, meckern, seufzen, pfeifen und zischen.

Foto: Momentaufnahme der Aktion, 1964

Deutung der Aktion:
DER CHEF / THE CHIEF war ein Appell an eine reichere Existenz des Menschen:
Seinen in Filz eingerollten Körper verstand Beuys als ein Bild für Dunkelheit, als passive Aktion, die nach »Ent-wicklung« verlangt. Zugleich erinnerte die Filzrolle an ein Leichentuch sowie an die Verpuppung einer Raupe, die sich in einen Schmetterling verwandelt.

Beuys selbst äußerte:
»Die Leute sind sehr kurzsichtig mit dieser Argumentation, wenn sie sagen: Der Beuys macht alles so mit Filz und dann will er etwas aussagen von KZ. Ob ich nicht daran interessiert bin, durch diese Filzelemente die ganze farbige Welt als Gegenbild im Menschen zu erzeugen, danach fragt keiner. Also: eine lichte Welt, eine klare lichte, unter Umständen eine übersinnlich geistige Welt damit sozusagen zu provozieren, durch eine Sache, die ganz anders aussieht, eben durch ein Gegenbild.«1

Der Titel der Aktion bedeutete für Beuys Selbstbestimmung:
»Der Chef da drin ist das menschliche Haupt. Das Wort Chef kommt von Kopf. Und den hat jeder Mensch. Jeder Mensch hat seinen Chef. Jeder Mensch hat also die Möglichkeit zu bestimmen. Es ist also das Element der Selbstbestimmung drin. Das heißt Chef.«2

Foto: Filzrolle Aus: DER CHEF, 1964, Präsentation in Block Beuys, Raum 2, 1970

Werke aus der Aktion in Block Beuys

»Filzrolle Aus: DER CHEF« und »Aus: DER CHEF (2 Teile) Filz-Kupfer«, Situation in Block Beuys, Raum 2

(1) Beuys im Interview mit Jörg Schellmann und Bernd Klüser 1970/1977, in: Jörg Schellmann (Hrsg.), Joseph Beuys. Die Multiples. Werkverzeichnis der Auflagenobjekte und Druckgraphik 1965–1986, München, New York 1992, S. 11.

(2) Beuys im Interview mit Birgit Lahann: Ich bin ein ganz scharfer Hase, in: Stern, Heft 19 (30.4.1981), S. 250.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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