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Beschreibung des Werks:
Neun massive Holzelemente in unterschiedlichen Größen und Formen bilden zusammen das Werk Jungfrau. Deutlich zu erkennen ist, dass das dunkle Teakholz gesägt, geschnitzt und geschliffen wurde. Sanft gerundete Partien treffen auf grobe Bearbeitungsspuren und harte Kanten.

Die einzelnen Teile erinnern an übergroße Spielfiguren oder Totems (bildhafte Symbole für Lebewesen). Eine Frau sehen darin vermutlich die wenigsten. Denn klassisch weibliche Attribute fehlen. Proportionen und Formen entsprechen nicht den konventionellen Vorstellungen von Jugend, Jungfräulichkeit, Grazilität oder Reinheit.
Rätselhaft wirken die Reste einer weißen Beschriftung. Zusätzlich fallen eingeritzte Ziffern auf. So wirkt das Holz wie das Ziffernblatt einer Uhr. Risse, die wie wandernde Uhrzeiger verlaufen, verstärken diesen Eindruck. Ob die Zahlen und Farbreste von Beuys stammen, ist nicht bekannt.

Außerdem weist das Holz Bohrlöcher auf. Einst hielt ein Hanfseil die einzelnen Elemente an diesen Stellen zu einer Gliederpuppe zusammen. Beuys hatte diese 1961 als Kunst-am-Bau-Auftrag für die Rolandschule in Düsseldorf entworfen.1 Damals trug sie noch den Titel Puppe. Im Hof der Volksschule konnten Kinder auf ihr herumklettern.2 Nachdem das Werk bereits 1964 aus Sicherheitsgründen abgebaut worden war, erhielt es eine neue Bestimmung.3 In weiteren Ausstellungen ordnete Beuys die Einzelteile des Werks ganz unterschiedlich an – manchmal als liegender Körper oder ähnlich der heutigen Präsentation in Block Beuys.

Deutung des Werks
Joseph Beuys begriff die Frauen nicht als Musen, sondern als »Urweibliches, Urplastisch-Schöpferisches«.5 Für ihn waren sie »Trägerinnen von Lebens- und intellektuellen Energien«.6 Er nannte sie auch »Aktricen« und verwies auf ihre aktive, heroische Rolle. Das für die Jungfrau verwendete tropische Teakholz schaffte eine Verbindung zu Naturphänomenen die aus Beuys' Perspektive das ewig Weibliche symbolisierten. Zugleich setzte er sich mit dem von ihm so bezeichneten »verholzten«7 männlichen Denken auseinander, das sich im rechtwinkligen Holzrahmen des Werks manifestiere. Dieses verschließe sich gegen neue Einflüsse. Grund dafür sei eine zuweilen erstarrte Dominanz des Intellekts, die Beuys dem Männlichen zuschrieb.8

Mit Bergkönig (Tunnel) 2 Planeten (1958–1961) verfügt Jungfrau über ein männliches Pendant in Raum 3 von Block Beuys. Wie eine Miniaturausgabe der Jungfrau erscheint das Werk Astronautin (1961) in Raum 5, Vitrine 7.

(1) Vgl. Andrea Otte, Die Jungfrau im Werk von Joseph Beuys, Norderstedt 2008, S. 51ff.

(2) Vgl. ebd., S. 54ff.

(3) Vgl. ebd., S. 62ff.

(4) Vgl. Ausstellungsansichten Van Abbemuseum Eindhoven 1968, in: Eva, Jessyka und Wenzel Beuys, Joseph Beuys. Block Beuys, München 1990, S. 335. Zu Varianten vgl. Otte, Jungfrau, S. 162–169, 202f.; 207.

(5) Rhea Thönges-Stringaris, Makarie und Montanus – oder: Es gibt viel mehr Wasser in der Welt, in: Volker Harlan, Dieter Koepplin, Rudolf Velhagen (Hrsg.), Joseph Beuys-Tagung Basel 1.–4. Mai 1991, Basel 1991, S. 22.

(6) Ebd., S. 22.

(7) Thönges-Stringaris, Makarie, S. 23.

(8) Vgl. Otte, Jungfrau, S. 97.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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