Beschreibung des Werks:
Bergkönig (Tunnel) 2 Planeten setzt sich aus einem massiven, flach gewölbten Körper und einem Kegelstumpf zusammen. Wie eine umgekippte Spielfigur liegt der Bronzeguss am Boden und blockiert beinahe den Durchgang zu Raum 4. Beuys provozierte bewusst damit, dass er seine Skulpturen einfach »ablegte« und sie nicht nach ästhetischen Vorgaben eines Museums arrangierte.
Die Figur wirkt wie ein verwittertes Relikt und scheint in den Untergrund eingesunken zu sein. Das kleinere Element erinnert an einen Kopf oder eine Krone. Die sich daran anschließende unebene Hohlform kann als Torso gelten. Da die beiden Teile nicht miteinander verbunden sind, ist der kleinere Kegel beweglich und wirkt wie ein rollender Kopf, etwa der eines enthaupteten Herrschers?1
Nach Aussage von Beuys ist der Kegelstumpf der Abguss eines Gyroskops2 – eines Kreiselinstruments, das als Kompass dient. Selbst in einer bewegten Umgebung behält es, dank des Drehmoments, seine konstante Lage (beispielsweise im Flugzeug). Der glatte, geometrische Kegelstumpf mit seinen scharfen Gusskanten steht im Kontrast zu den Unebenheiten des tunnelartigen Torsos. Seine Oberfläche erinnert an Hügel und Täler, die Gletscher oder erkaltete Lavaströme hervorgebracht haben könnten.
Deutung des Werks:
Als Gegenpol zur kopfgesteuerten Ratio, die der Kegelstumpf symbolisiert, verortete Joseph Beuys die menschliche Intuition und die seelischen Kräfte im Körper. Der Torso versinnbildlicht damit das Ursprüngliche und Natürliche.
Gebirge und Felsformationen wurden und werden in einigen Kulturen religiös verehrt. Sie gelten als magische Orte, um die sich Mythen und Legenden ranken: so etwa der Olymp als Sitz der griechischen Götter oder der Königsstuhl auf Rügen. Mitunter erinnern die Umrisse von Bergketten an wundersame Menschen- oder Tiergestalten, die mit höheren Mächten, wie Berggeistern und Dämonen, in Beziehung treten können. Beuys faszinierten diese Überlieferungen, die er deshalb oft subtil in sein Werk einfließen ließ.
Das in Raum 3 benachbarte VAL (Vadrec [t]) (1961) entstand als Gegenstück zu Bergkönig (Tunnel) 2 Planeten.3 Der Darmstädter Sammler Karl Ströher (1890–1977) veranlasste, dass mehrere aus Holz gefertigte Werke von Joseph Beuys nachträglich in Bronze gegossen wurden4 – darunter VAL (Vadrec [t]) und Bergkönig. Dessen Datierung von 1961 bezieht sich allerdings nicht auf den Guss, der erst 1969 vorgenommen wurde, sondern auf die ursprüngliche Ausführung in Holz in den Jahren 1958 bis 1961.6
(1) Vgl. Klaus Gallwitz, Joseph Beuys, Bergkönig 1958–61, Begleittext zur Ausstellung der Städtischen Galerie im Städel Frankfurt am Main, 24.8.–30.10.1983, o.S. Siehe Archiv Block Beuys.
(2) Vgl. Beuys, in: Harald Szeemann (Hrsg.), Joseph Beuys, Kat. Kunsthaus Zürich, Zürich 1993, S. 30.
(3) Vgl. Eva, Jessyka und Wenzel Beuys, Joseph Beuys. Block Beuys, München 1990, S. 336, 338; vgl. Marion Ackermann, Isabelle Malz (Hrsg.), Joseph Beuys, Parallelprozesse, Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2011, S. 117.
(4) Siehe Archiv Block Beuys. Vgl. Eva, Jessyka und Wenzel Beuys, Joseph Beuys, S. 399f. Es wurden drei Exemplare gegossen; sie befinden sich in Darmstadt, im Museum Ludwig Köln und in der Sammlung Deutsche Bank im Städel in Frankfurt am Main.
(5) Vgl. Eva, Jessyka und Wenzel Beuys, Joseph Beuys, S. 336, 338.
(6) Ebd., S. 336.
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