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Beschreibung des Werks:
Im Jahr 1966 stand in Kopenhagen erstmals ein Fernsehgerät im Mittelpunkt einer Aktion von Joseph Beuys, die er Filz-TV nannte.
In Anlehnung daran steht heute in einer Ecke in Raum 4 ein leicht zur Wand gedrehter Röhrenfernseher mit einer damals schon als altmodisch empfundenen Holzverkleidung1 Die Mattscheibe ist mit einem passgenauen Filzstück bedeckt. Dem Gerät zugeneigt, hängt außerdem eine filzbespannte Holzplatte schräg an der Wand. Die beiden schallschluckenden Filzflächen bilden eine Art schützende Nische. Hatte Beuys in der Aktion Filz-TV hinter dem Filz des Bildschirms akustisch noch ein Programm laufen lassen, so ist der Fernseher in Block Beuys jetzt endgültig verstummt. Er ist an keine Steckdose angeschlossen. Trotz vorhandener Zimmerantenne kann er keinen Sender empfangen. Es ist, als ob der Filz die sonst ausgestrahlte Informationsflut absorbiere.

Deutung des Werks:
Ist das Fernsehen ein Massenmedium mit künstlerischem Potenzial? Diese Frage wurde in den 1960er-Jahren rege diskutiert und beschäftigte auch Joseph Beuys.
Die Werke Radio und DAS ERDTELEPHON in Block Beuys thematisieren bereits das Senden und Empfangen von Informationen. In Filz-TV III Zuschauer = Programm aber sollen die Zuschauenden selbst an die Stelle der Informationen als Kommunikationsquelle treten und das eigentliche Programm bestimmen: »Ich bin selbst die Information über die Tragödie, über das ›Event‹ oder über diese Aggressivität, die ja dieses Medium sehr oft hat […] Das heißt, der Zuschauer selbst ist sehr viel wichtiger. Dass und wie er agiert, ist wichtiger als alles das, was aus der Kiste kommt.«2

In der erwähnten Aktion schlug sich Beuys, vor dem Fernsehgerät sitzend, heftig mit Boxhandschuhen ins Gesicht: Metapher für die vielen Nachrichten, die täglich auf uns »einschlagen«. Die 1970 erschienene Edition Filz-TV in Block Beuys, Raum 7, Vitrine 7 besteht aus diesen Boxhandschuhen, einer in der Aktion verwendeten, zurechtgeschnittenen Wurst, einem Filzstück sowie einer Filmdose. Für Beuys wärmt Filz hier das kalte technische Medium. Die Wurst ist Quelle lebendiger Energie.

Die Änderung der Blickrichtung – vom Bildschirm zurück auf den Menschen – ist im digitalen Zeitalter mit einem Überangebot an TV-Kanälen, sozialen Medien, Filterblasen, Fake News und KI aktueller denn je. Zwar konnte Beuys damals nicht ahnen, wie rasant sich die Medienlandschaft weiterentwickeln würde. Dennoch verharrt Filz-TV nicht in reinem Kulturpessimismus, sondern trägt die Kritik über den Umgang des Menschen mit den von ihm selbst geschaffenen Medien bis in die Gegenwart. Die Frage, die Filz-TV weiterhin »aussendet«, ist nicht: Was macht das Programm mit den Zuschauenden? – sondern: Was machen die Zuschauenden mit dem Programm?

(1) Vgl. Eva, Wenzel und Jessyka Beuys, Joseph Beuys. Block Beuys, München 1990, S. 348. Es existieren zwei Fernsehapparate Filz-TV III. Das Gerät der Marke Nordmende erinnert an die Baureihe Souverän, die ab 1958 verkauft und deren Design bereits Mitte der 1960er Jahre erneuert wurde. Auf der Rückseite findet sich ein Stempe »Beuys« und ein Kreuz.

(2) Beuys, Über Fernsehen und Videokunst. Gespräch mit Wulf Herzogenrath, in: Wulf Herzogenrath (Hrsg.), Videokunst in Deutschland 1963–1982, Kat. Kölnischer Kunstverein et al., Stuttgart 1982, S. 94–98, hier: S. 95f.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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