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Beschreibung des Werks:
Einem bereits Ende der 1960er-Jahre als altmodisch empfundenen schwarzen Bakelit-Fernsprecher hat Joseph Beuys einen Erdklumpen zur Seite gestell, der zuvor mit dem Spaten ausgegraben wurde. An der Unterkante des Klumpens sind vertrocknete Grashalme zu erkennen. Das Telefon ist an eine Steckdose in der Wand angeschlossen. Möglicherweise könnte man jemanden anrufen?

Das ausgegrabene Stück Natur wirkt genauso leblos wie das stumme Telefon. Gleichzeitig schlummert in beiden Objekten das Potenzial der (Wieder-)belebung, so als würde Wasser den Boden wieder fruchtbar machen.

Deutung des Werks:
Mit diesem Werk provozierte Beuys die Frage: In welchem Verhältnis stehen Natur und Technik zueinander?
Einst war der Telefonapparat ein Meilenstein der modernen Kommunikationstechnik und stand für Fortschritt. Aber was genau vermögen die technischen Errungenschaften des Menschen zu leisten? Verbessern sie unser Leben? Bringen sie uns einander näher oder entfernen sie uns von der Natur?

Kommunikationsmedien und ihre Bedeutung für die Gesellschaft beschäftigten Beuys bereits lange vor Internet und Smartphone. Dabei ging es ihm in erster Linie nicht um eine Kritik an den Medien: »Ich habe kein Interesse, das Telephon zu interpretieren. […] Mich interessieren mehr die Kräfte, die an dieser Sache beteiligt sind.«1 Damit könnte Energie als Wärme der Erde oder als Strom im Telefon gemeint sein: »Da wird eine Aussage über das Wesen der Elektrizität gemacht, dass sie ein unterirdisch verlaufender Vorgang ist«2 – »eine untersinnliche Eigenschaft«.3 Das elektrische Gerät nutzt Energie, um Nachrichten weiterzugeben. Aus der Energie der Erde gehen Pflanzen hervor.

Für Beuys war es wichtig, mit anderen Menschen in einen Dialog zu treten. Er fungierte als Sender von Ideen. Seine Kunstwerke sollten Denken und Gespräche anregen. In seiner Vorstellung war die Erde ein Organ des Menschen, dessen Bewusstsein ihm zwar verborgen bleibt, aber weit über das seine hinausreicht.4 Damit der Dialog zwischen Erde und Telefon dennoch nicht utopisch wirkt, legte Beuys großen Wert auf eine Kabelverbindung zur Steckdose. Was würde die Erde dem Anrufenden mitteilen und umgekehrt der Mensch unserem Planeten? Wie kommuniziert er mit der Erde, aus der er, der christlichen Überlieferung nach, geformt ist, die ihn trägt und nährt? Hört er noch auf sie? Oder hat er den Kontakt längst verloren?

Mensch und Natur bildeten bei Beuys eine Einheit. Für ihn hatte die Menschheit gegenüber Tieren oder Pflanzen keinen übergeordneten Status. Allerdings sah er die spirituelle Beziehung durch die Zivilisation bedroht. Der Mensch verliere seine Bindung zur Natur und vergesse, dass er Teil von ihr ist.
In der Gegenwart führen uns Klimawandel und daraus resultierende Umweltkatastrophen diese Entfremdung drastisch vor Augen.


(1) Beuys im Interview mit Helmut Rywelski in Düsseldorf am 18.5.1970, in: Joseph Beuys, Heute ist jeder Mensch Sonnenkönig, Köln 1970, S. 11.

(2) Beuys, in: Jörg Schellmann, Bernd Klüser (Hrsg.), Joseph Beuys. Die Multiples, München 1971 (1992), S. 24.

(3) Beuys, in: Das Gespräch mit Joseph Beuys, in: Volker Harlan, Was ist Kunst? Werkstattgespräch mit Beuys, Stuttgart 1986 (2001, 2011), S. 60.

(4) Vgl. Beuys, in: Jacqueline Burckhardt (Hrsg.), Ein Gespräch = Una discussione. Joseph Beuys, Jannis Kounellis, Anselm Kiefer, Enzo Cucchi und Jean-Christophe Ammann, Zürich 1986, S. 138.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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