Lebenslauf – Werklauf
Eine Autofiktion
Ab 1964 verstand Joseph Beuys sein Leben als zu formendes Material. Er hob für sich die Trennung zwischen seiner Biografie und seiner künstlerischen Arbeit auf. Da Kunst und Leben für ihn eine Einheit bildeten, überführte er seine Biografie vorsätzlich in eine eigene Erzählung seines Lebens:1 in eine Autofiktion.
Die selbst verfasste Biografie nannte er Lebenslauf –Werklauf und veröffentlichte sie erstmals 1964. Bis in die 1970er Jahre erweiterte er sie: »Biographie meint mehr als nur eine rein persönliche Angelegenheit. Sie stellt die Wechselbeziehungen aller Prozesse und nicht die Aufsplitterung des Lebens in einzelne voneinander getrennte Bereiche als Einheit dar. Ich verstehe unter Biographie die Entwicklung aller Dinge. Meine eigene Entwicklungsgeschichte ist nur insofern von Interesse, als ich versucht habe, mein Leben und meine Person als Werkzeuge einzusetzen.«2
Foto: Joseph Beuys, 1968
Biografischen Ereignissen sprach Beuys Werkcharakter zu. So beginnt er seinen Lebenslauf nicht mit der Geburt in Krefeld, sondern mit: »1921 Kleve Ausstellung einer mit Heftpflaster zusammengezogene Wunde.« Es folgt: »1922 Ausstellung Molkerei Rindern b. Kleve […] 1927 Kleve Ausstellung von Ausstrahlung«.
Diese Umdeutung machte auch vor den Kriegserlebnissen nicht halt, die er zum Teil euphemisierte: »1942 Sewastopol Ausstellung während des Abfangens einer JU 87.«
Beuys verknüpfte die Biografie eng mit seinem künstlerischen Werk. So hätten nomadisierende Tataren ihn 1944 auf der Krim mit Fett einbalsamiert, in Filz gewickelt und auf diese Weise geheilt. Die Erzählung wird zum Ursprungsmythos, der die Verwendung seiner künstlerischen Werkstoffe erklären soll.
Foto: Lebenslauf – Werklauf, 1964 (Lebenslauf, Detail)
Immer wieder bestimmen Krisen seine Biographie, in denen er dem Tode nahe gewesen und aus denen er gestärkt hervorgegangen sei. Dieses Schema übertrug er von der individuellen Erfahrung auch auf die Gesellschaft, die sich erneuern müsse und durch Kunst gesunden könne. Ein Eingeständnis persönlicher Mitschuld in der Zeit des Nationalsozialismus oder Kritik hat Beuys öffentlich nie formuliert.
»Eigentlich ist dieser Schock nach Ende des Krieges mein Urerlebnis, mein Grunderlebnis, was dazu geführt hat, daß ich überhaupt begonnen habe, mich mit der Kunst auseinanderzusetzen, also mich im Sinne eines radikalen Neubeginns wieder zu orientieren […]. Ich fühlte mich verantwortlich, aber Schuldgefühle habe ich keine, denn die könnte ich mir gar nicht leisten, weil sie mich hindern würden, die Sache voranzutreiben. Schuldgefühle haben ja immer eine lähmende Wirkung.«3
Ein Leben lang präsentierte sich Beuys in unterschiedlichen Rollen: als Pädagoge, Schamane, Revolutionär und Politiker. Damit bekräftigte er die Performativität in seiner Biographie.
Beuys' biographische Aussagen und Stilisierungen wurden inzwischen – etwa von Frank Gieseke (o. A. ), Albert Mackert (o. A.) oder Hans Peter Riegel (*1959) – gründlich revidiert, wobei zahlreiche Daten und Anekdoten richtiggestellt wurden.4
Foto: Lebenslauf – Werklauf, 1964 (Werklauf, Detail)
(1) Vgl. Wulf Herzogenrath (Hrsg.), Selbstdarstellung. Künstler über sich, Düsseldorf 1973, S. 22.
(2) Joseph Beuys Üübersetzt nach: Caroline Tisdall (Hrsg.), Joseph Beuys, Kat. The Solomon R. Guggenheim Museum, New York 1979, S. 10.
(3) Joseph Beuys, zit. nach: André Müller, Interviews, Hamburg 1982, S. 69. Ursprünglich in: Penthouse, Mai 1980, S. 98–101.
(4) Frank Gieseke, Albert Markert, Flieger, Filz und Vaterland. Eine erweiterte Beuys-Biografie, Berlin 1996. Hans Peter Riegel, Beuys. Die Biographie, Bd. 1, Berlin 2013, Bd. 2, Zürich 2018, Bd. 3, Zürich 2019, Bd. 4, Zürich 2021. Vgl. Kapitel Einheit von Leben und Werk, in: Timo Skrandies, Bettina Paust (Hrsg.), Joseph Beuys Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, unter Mitarbeit von Jasmina Nöllen, Zsuzsanna Aszodi, Alina Samsonija, Berlin 2021, S. 3–48.
/f/128870/3562x3544/003e4a082c/bb-raum-2_film39-6.jpg)