Block Beuys im Wandel
Kontroverse über die Jute
Disput über die Jute in Block Beuys, 2006–2008
Mit der bevorstehenden Generalsanierung des historischen Museumsgebäudes in Darmstadt, die mit dem Umzug fast aller Sammlungen Ende 2006 begann, setzte eine unerwartet heftige Kontroverse über architektonische Eingriffe in den sieben Räumen von Block Beuys ein, die sich vor allem an der Jute-Wandbespannung entzündete.
Die Jute in den Räumen 2 bis 7 hatte sich im Laufe der Jahre rotbraun verfärbt. Auch die Baumwollseidenbespannung in Raum 1 war brüchig und löchrig geworden, so dass sie stellenweise repariert und ausgetauscht werden musste. Ungeachtet dessen hatten sie das Gesamtensemble über lange Zeit geprägt. Deshalb nahmen viele Menschen Block Beuys mit den stark nachgedunkelten Wänden als zusammengehörendes Ganzes wahr. Nachweislich hatte Joseph Beuys die Jute aber gar nicht selbst ausgewählt, sondern nur so vorgefunden und akzeptiert. Auch ist nicht bekannt, dass er sich später für eine Änderung dieser Bedingungen aussprach.
Vor der Generalsanierung stand zur Diskussion, in den sieben Räumen von Block Beuys die verschlissene Stoffbespannung und den abgenutzten grauen Teppichboden zu entfernen sowie die Wände in der Anmutung eines White Cube weiß zu streichen. Genau dagegen regte sich Protest, der konträre Meinungen sowohl in Fach- als auch in Besucherkreisen und Bürgerinitiativen offenlegte.
Foto: Poröser Jutestoff in einem der Räume von Block Beuys, 2008
Podiumsdiskussion
»Der Block Beuys und die Grundinstandsetzung des Museums«, 30.11.2006
Im Ströher-Flügel des Museums gab die damalige Museumsdirektorin Dr. Ina Busch (*1950) in Abstimmung mit dem Joseph Beuys Estate die kommenden bautechnischen Veränderungen in Block Beuys der anwesenden Öffentlichkeit bekannt.
Zu den geladenen Podiumsgästen gehörten: Prof. Dr. Carla Schulz-Hoffmann (*1946), stellvertretende Direktorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München; Urs Raussmüller (*1940), Leiter Hallen für Neue Kunst, Schaffhausen; Dr. Götz Adriani (*1940), Direktor der Kunsthalle Tübingen; Dr. Dieter Koepplin (*1936), ehemaliger Leiter des Kupferstichkabinetts des Kunstmuseums Basel; Johannes Stüttgen (*1945), Künstler, Autor und Meisterschüler von Joseph Beuys; Thomas Wagner (*1955), Feuilletonredakteur der FAZ sowie Dr. Klaus-D. Pohl (*1950), Kustos für Moderne Kunst, Hessisches Landesmuseum Darmstadt.
Die Ankündigungen sorgten für Irritationen und lösten eine Debatte unter den Anwesenden aus. Das Podium zeigte sich verwundert darüber, dass die Entscheidungen der Direktion gar nicht mehr verhandelbar schienen. Weshalb hatte man sie dann nach Darmstadt geholt? Entsprechend groß fiel später auch die Presseresonanz aus.
Foto: Podiumsdiskussion, am Rednerpult: Dr. Ina Busch, 30.11.2006,
Weitere öffentliche Diskurse
Die medial geführte Auseinandersetzung um die künftige visuelle und akustische Wirkung von Block Beuys bewog die Verantwortlichen des Landesmuseums, die bautechnischen Maßnahmen zur Sanierung seiner architektonischen Umgebung noch einmal zu überdenken und fachkundig auszuwerten.
Nach einer öffentlichen Informationsveranstaltung über die Ergebnisse der bautechnischen Untersuchung am 22. Februar 2008 im Hessischen Landesmuseum Darmstadt wurde ein weiteres Symposium ausgerichtet.
Foto: Bürgerinitiative: Fahrrad mit Aufschrift vor dem Landesmuseum, 2007
Hearing
»Die Sanierung der Räume Block Beuys«,
18.–19. April 2008
Die verschiedenen Positionen zum künftigen Umgang mit den Räumen, Wänden und dem Bodenbelag in Block Beuys sollten während dieser Veranstaltung erneut allgemeinverständlich beraten werden. Renommierte nationale und internationale Referentinnen und Referenten sowie die »Initiative zur Erhaltung des Block Beuys« bezogen vor Publikum Stellung. Auch das Museum nutzte wiederholt die Gelegenheit, sich zu positionieren.
Am Hearing nahmen teil:
Prof. Dr. Götz Adriani, Baden-Baden; Katharina von Bechtoldsheim (o. A.), Berlin; Dr. Ina Busch, Darmstadt; Prof. Dr. Laszlo Glozer (*1936), Hamburg; Dipl. Rest. Otto Hubacek (o. A.), Berlin; Prof. Dr. Eva Huber (o. A.), Darmstadt; »Initiative zur Erhaltung des Block Beuys, Darmstadt«; Prof. Dr. Dieter Koepplin, Basel; Prof. Kasper König (1943–2024), Köln; Prof. Dr. Anne Krauter (o. A.), Bern; Prof. Sean Rainbird (*1959), Stuttgart; Prof. Shelley Sacks (*1950), Oxford; Dr. Johann-Karl Schmidt (*1942), Stuttgart; Prof. Manfred Stumpf (*1957), Offenbach; Johannes Stüttgen, Düsseldorf; Prof. Caroline Tisdall (*1945), London; Dipl. Rest. und Prof. Stefan Zumbühl (o. A.), Bern; Dr. Reha Thönges-Stringaris (*1934), Kassel; Prof. Thomas Wagner (o. A.); Heppenheim; Prof. Dr. Franz-Joachim Verspohl (*1946–2009), Jena.
Moderation: Prof. Dr. Uta Brandes (*1949), Köln
Nach Abwägung aller Standpunkte wurde am ursprünglichen Sanierungsvorhaben von Block Beuys festgehalten und mit der Umsetzung begonnen.
Foto: Hearing,18.4. 2008, auf dem Podium v. l. n. r. Dipl. Rest. Otto Hubacek, Prof. Sean Rainbird, Katharina von Bechtoldsheim, Prof. Dr. Uta Brandes
Herausgabe eines Tagungsbandes
Einige Zeit später erschien der vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt publizierte Tagungsband Die Sanierung der Räume des »Block Beuys«. Ein Hearing im Hessischen Landesmuseum Darmstadt«.
Darin sind die Vorgeschichte, Bestandsaufnahme und Entscheidung über die Instandsetzung von Block Beuys dokumentiert sowie alle 23 Impulsreferate, Vorträge und Stellungsnahmen des Hearings enthalten. Eine zusätzlich integrierte CD legt die Ergebnisse der bautechnischen Untersuchungen offen.1
Foto: Titelseite des Tagungsbandes, 2014
(1) Die Sanierung der Räume des Block Beuys. Ein Hearing im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, 18./19. April 2008, (Hrsg.) Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Darmstadt 2014.
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