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Beschreibung des Werks:
Das sonderbare Gestell besteht aus einer mit Teer oder Bitumen bestrichenen Metallplatte und einer Kiste aus Holzleisten. Wie bei einer Wiege ermöglichen zwei Eisenreifen das Schaukeln des Objekts. Durch ihre Fixierung im Holzgestell entsteht der Eindruck, als sei die im Inneren angebrachte Platte für einen Transport verpackt worden. Die hineingelegten konzentrischen Kupferringe umgeben ein Längsholz und weisen in verschiedene Richtungen.1 Sie erinnern an die Ausbreitung elektrischer Wellen wie bei einer Funkantenne2 oder an kosmische Umlaufbahnen. Darüber hinaus lassen sie einen Körper mit Brustkorb und Kopf erkennen.

Deutung des Werks:
Bis 1969 trug das Werk den Titel Bett 1952.3 Der heutige Titel verweist auf eine im Jahr 1952 im dänischen Ort Grauballe gefundene Moorleiche aus der Eisenzeit4. Dieser »Grauballe-Mann« kam in die Schlagzeilen, weil er durch den Gerbprozess im Moor hervorragend konserviert worden war. Seine durchgeschnittene Kehle führte zu Spekulationen darüber, wie er verstorben sein könnte. Handelte es sich etwa um archaische Opferriten, die damals den Kreislauf von Leben und Tod begleiteten?

Das abstrakte Gebilde auf der Platte des Werks geht der Frage nach der körperlichen und geistigen Verfassung des Menschen nach. Dabei versinnbildlichen die Kupferringe die Leitfähigkeit des menschlichen Körpers als Sender. Nach Beuys visualisieren sie ein Magnetfeld.5

Derartige Analogiebildungen durchziehen das gesamte Werk des Künstlers. Dabei wendete Beuys seine Aufmerksamkeit auf naturwissenschaftliche Phänomene in Physik und Chemie, die er modellhaft auf künstlerische, mentale und gesellschaftliche Prozesse übertrug. Seiner Meinung nach beschreibt die Skulptur Grauballemann etwas Ewiges und verfügt über eine Energie, die den Tod des physischen Leibes überdauert, indem sich ihr irdisches Magnetfeld mit geistigen und kosmischen Kräften verbindet. Beuys nannte das »Feldcharakter« – analog zu Kraftzonen, Energieflüssen, Gestaltwerdung und Wachstum als Grundprinzipien von Organismen.6 In Anlehnung an den Anthroposophen Rudolf Steiner (1861–1925) bezeichnete Beuys jene Kräfte auch als »Ätherleib«:7 Während der Erdenleib nach dem Tod wieder Teil der mineralischen Welt wird, existieren die als »Ätherleib« im Körper vorhandenen Stoffe und kosmischen Kräfte weiter.8


(1) Mit der ersten Fassung dieses Werkes unter dem Titel Semniskatenschwingungen um einen Kern Messing-Palisander 1953 hatte Beuys an der Großen Deutsche Rundfunk-, Phono- und Fernsehausstellung in Düsseldorf teilgenommen. Sie gilt als zerstört. »Semnis« lässt sich vom griechischen »semnos« für »ehrwürdig«, »erhaben«, »hehr«, »heilig« oder »vornehm« und »kate« vom griechischen »kato« für »abwärts«, »hinab«, »hinunter« ableiten. Die Lemniskate ist die liegende Acht als Zeichen für Unendlichkeit in der Mathematik.

(2) Ein verwandtes Werk Antenne (Imagination) Montage, findet sich auf der Anmeldeliste zur Ausstellung Kunst des Niederrheins 1958 im Kaiser Wilhelm Museum Krefeld.

(3) Es gibt drei Fassungen des Werkes: Die erste Fassung mit dem Titel Semniskatenschwingungen um einen Kern Messing-Palisander liegt ab 1954 auf einer Platte Teer mit Eisenrädern ohne Holzverschlag. Die dritte Fassung entsteht vermutlich ab 1959 und erhält 1967 im Städtischen Museum Mönchengladbach den Titel Bett, 1952. Erst ab einer Ausstellung in Berlin 1969 wird dieses Werk Grauballemann, 1952 genannt. Das Werk Bett, 1949, Block Beuys, Raum 6, Vitrine 5, entstand im Jahr 1966 und hatte bis etwa 1970 keinen festen Titel.

(4) Der Titel Grauballemann, 1952 bezieht sich auf das Funddatum der Moorleiche, nicht auf die Werkentstehung zwischen 1953und 1969.

(5) Vgl. Ulrich Müller (Hrsg.), Joseph Beuys. Parallelprozesse. Archäologie einer künstlerischen Praxis, München 2012, S. 149.

(6) Vgl. ebd.

(7) Der Ätherleib, Ätherkörper oder Lebensleib ist in esoterischen Lehren einer von sieben Teilen des menschlichen Wesens; vgl. Helmut Zander, Anthroposophie in Deutschland, Göttingen 2007, S. 565–567.

(8) Vgl. Rudolf Steiner, Theosophie. Einführung in übersinnliche Weltkenntnis und Menschenbestimmung (1904), Dornach 2003, S. 37f.

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Hochspannungs-Hochfrequenz-Generator und FOND II (10 Teile), 1968, in Raum 2

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