Beschreibung des Werks:
Auf Holzbrettchen liegen sich Bienenkönigin 3 und ihr Pendant Bienenkönigin 2 gegenüber.1 Die beiden Körper erheben sich wie Reliefs aus dem weichen Untergrund. An die Gestalt von Bienen erinnern sie jedoch nur noch entfernt. Beuys meinte selbst, dass man eher Körperteile als Bienen darin erkenne.2
Bienenkönigin 2 besteht aus einer grob modellierten, von einer Kordel durchzogenen Erhebung. Daran schließt sich eine flachere Form an. Neben ihr liegt eine kleine weibliche Figur aus dunklerem Wachs. Das beigefügte Holzbesteck lädt subtil dazu ein, sich die Kunst einzuverleiben. Die zu beiden Plastiken gehörenden Brettchen wirken wie Essbrettchen. Aus dem sackartigen Leib bzw. schildkrötenartigem Kopf von Bienenkönigin 3 winden sich tentakelähnliche Gliedmaßen, Arterien oder Nabelschnüre über die herzförmige Platte. Beide Werke sind aus Bienenwachs gefertigt, dem Material, das Bienen über ihren Stoffwechsel erzeugen. Unter Wärmeeinfluss können die erstarrten Wachsplastiken wieder weich und formbar, sogar flüssig werden.
Deutung des Werks:
Tiere besaßen für Joseph Beuys ganz besondere Bedeutung. Zum Beispiel finden sich in Block Beuys an anderer Stelle Bezüge zu Hase und Hirsch. Seit Ende der 1940er-Jahre beschäftigte er sich auch mit Bienen, die er als Gestalterinnen bewunderte. In einem perfekt funktionierenden System erzeugen sie Wärme, produzieren Honig und formen daraus sechseckige Waben. Für Beuys ist der Bienenstaat das perfekte Sinnbild für gemeinschaftliche Arbeits- und Lebenswelten.3 Darin eingebettet, bildet die Bienenkönigin den Ursprung und das Zentrum des gesamten Organismus'.
In gleicher Weise interessierten ihn die biologischen und chemischen Vorgänge im Bienenstock: Aus weichem Material entsteht etwas vollkommen Neues, durch Wärme wird Chaos zur Form, Amorphes (Gestaltloses) kristallin, Kaltes warm, Flüssiges fest – alles Ausdruck permanenter Verwandlung.
Beuys' eigenwillige Vorstellung vom Verzehr dieser Wachsplastiken lässt sich mit seiner Aussage von Kunst als Nahrung in Verbindung bringen. Das Potenzial, über das sowohl das Bienenwachs als auch die daraus geformte Kunst verfügen, entfaltet sich mental. Es ist ein geistiger Nährwert, ohne das tatsächlich etwas verzehrt wird.4
Obgleich die früh entstandenen Bienenkönigin 3 und Bienenkönigin 2 erst noch als sich entwickelnde organische Plastiken zu begreifen sind, ist ihre Deutung richtungsweisend für das Gesamtwerk von Joseph Beuys. Beide verkörpern die kreative Transformation, die dem schöpferischen Handeln jedes Menschen innewohnt und die Beuys auf den eigenen plastischen Schöpfungsprozess überträgt.5
In diesem Kontext ist auch seine legendäre Installation Honigpumpe am Arbeitsplatz einzuordnen. 1977, auf der documenta 6, pumpte er mithilfe eines meterlangen Schlauchsystems Honig durch das Fridericianum in Kassel.
(1) Zu dieser frühen Werkserie gehört auch die Variante Bienenkönigin 1, 1947–1952, mit zwei beiliegenden Figürchen, Sammlung Schirmer, München.
(2) Vgl. Gespräch über Bienen. J. Beuys, B. Blume und H. G. Prager, 15.11.1975, in: Rheinische Bienenzeitung, Heft 12 (Dezember 1975), S. 373.
(3) Vgl. Gespräch über Bienen, S. 374f.
(4) Vgl. Das Museum der 100 Tage. Erster Bericht von der documenta III in Kassel, 30.6.1964, Hessischer Rundfunk, Reinhard Rutmann, Kurt Zimmermann, Film, Min. 26:21; vgl. Loers, Witzmann (Hrsg.), Joseph Beuys, S. 62.
Beuys macht in einem Fernsehinterview den Vorschlag, dass die Betrachter*innen seine Wachsplastiken essen sollten.
Vgl. Bienen (Giocondologie), Block Beuys, Raum 5, Vitrine 1.
(5) Vgl. Veit Loers, Pia Witzmann (Hrsg.), Joseph Beuys, documenta-Arbeit, Kat. Fridericianum Kassel, Kassel 1993, S. 9.
/f/128870/3562x3544/003e4a082c/bb-raum-2_film39-6.jpg)